SARAH YOUNG WALSCH: „Gott, Facebook & ich!“ (5)


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Eigentlich, Sarah, ist es nie zu spät! Nie zu spät um umzudenken. Jeder kann das. Und zwar auf der Stelle. SOFORT!

Ich saß vor meinem Laptop und wusste wieder einmal nicht, was ich zurück schreiben sollte.

Gott hatte auch hier wieder recht. Jeder kann sich eines Besseren besinnen. Überall und jederzeit. Immer.

Dennoch – Du hast viel dazu gelernt, seit wir auf Facebook miteinander chatten, Sarah. Meinst Du nicht auch? 

»Ja, du hast mir vieles gezeigt, über das ich früher normalerweise gar nicht groß nachgedacht habe. Beispielsweise was Hunger ist! Richtiger Hunger. Was es wirklich bedeutet, jeden Tag zu Essen zu haben, was und so viel man will. Dass es Menschen gibt, wie Cheja und Aini, die jeden Tag um ihr Leben und gegen das Verhungern kämpfen müssen. Dass Millionen von ihnen es nicht schaffen, einen grausamen Tod sterben …«

Und weiter schrieb ich: »Du hast mir gezeigt, dass Vorurteile gegenüber anderen, wie beispielsweise gegen Tonnen-Mandy, falsch sind! Dass wir andere Menschen oft vorverurteilen, bevor wir überhaupt wissen, wer sie wirklich sind und was für eine Geschichte sie haben. Was für ein Vorleben. Welche Schicksalsschläge sie erleiden mussten, wer sie in Wirklichkeit sind …«

Ich schrieb mir alles von der Seele, was ich in den letzten Stunden durch Gott erfahren hatte und was ich davon hielt.

»Und du hast mir unmissverständlich klar gemacht, dass es egal ist, ob man weiß, schwarz oder braun ist, ob Deutscher, Araber, Farbiger oder – wie Thien Phuong – Vietnamese. Dass wir uns gegenseitig respektieren müssen, weil wir nicht immer bestimmen können, wo wir aufwachsen, wo wir leben können und wollen. Dass ein anderes Aussehen nichts mit Nationalangehörigkeit zu tun hat und wir davon unabhängig immer den Menschen sehen müssen …«

Ich hielt kurz inne, bevor ich meine Worte weiter in den Facebook-Chat hackte.

»Ja, Gott, das alles hast Du mir innerhalb kürzester Zeit gezeigt und mir meine Fehler vor Augen gehalten. Mein falsches und oberflächliches Denken. Meine Vorurteile, mit denen ich bisher durchs Leben ging. Das alles und noch viel !«

Siehst Du, Sarah, Du hast wirklich viel dazu gelernt. Dinge, die Dich von nun an Dein ganzes Leben lang begleiten werden! Immer und überall! Gib diese Erfahrung weiter. An andere Deiner Generation. Denn ich bin immer noch da, Sarah, trotz und gerade wegen Facebook, Twitter, LinkedIn, StudiVZ und anderen sozialen Netzwerken.  

»Das werde ich ganz bestimmt!«

Und Du hast an diesem Wochenende mehr fürs Leben gelernt, als in der Disco! LOL. 

»Das kann man wohl sagen! Und ich danke Dir dafür! Von ganzem Herzen. Danke für alles, GOTT.«

Doch Gott antwortete mir nicht mehr. Der Facebook-Chat war beendet.

Gott hatte mir eine Lektion fürs Leben erteilt.

Und zwar über Facebook.

Jetzt war seine »Mission« beendet.

Nur einmal, ein einziges Mal, hörte ich noch etwas von ihm.

Dieses Mal jedoch nicht auf Facebook, sondern per WhatsApp.

 —————————————-

Caro und ich waren gerade an den Türstehern vorbei gegangen, die uns freundlich grüßten und gaben unsere Jacken an der Garderobe ab. Um diese Zeit war die Disco schon gut besucht.

Meine beste Freundin lächelte mich an und steuerte die Frauentoiletten an. Wie immer wollte sie sich noch einmal im Spiegel anschauen, bevor sie auf der Tanzfläche abrockte.

Der Vibrationston in meiner kleinen Handtasche machte mich auf eine eingegangene WhatsApp-Mitteilung aufmerksam. Während ich vor dem Damenklo auf Caro wartete holte ich mein Handy hervor und schaute nach.

Gott verlässt Dich niemals, Sarah! Er ist immer bei Dir, auch wenn Du denkst, er wäre es nicht. Und jetzt wünsche ich Dir viel Spaß beim Tanzen UND mit den süßen Typen! Smiley. Gott. 

Das war das letzte Mal, dass mich Gott kontaktiert hatte.

Ich erinnere mich noch ganz genau daran, dass ich an jenem Abend mitten auf der Tanzfläche Tränen in den Augen hatte.

Tränen vor Glück und Dankbarkeit.

 

ENDE … und ein neuer Anfang!


Sarah Young Walsch


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SARAH YOUNG WALSCH: „Gott, Facebook & ich!“ (4)


 

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Und was hälst du von Thien Phuong?

»Von wem?«

Von Thien Phuong?

»Wer soll das jetzt wieder sein?«

Gott schrieb nicht gleich zurück. Ich bildete mir ein, dass er verärgert über meine Frage war. Doch dann:

Das ist der vierzehnjährige Vietnamesenjunge, der erst seit kurzem einen Facebook-Account besitzt. Er geht auf Deine Schule. Freilich ein paar Klassen unter dir. Dort begegnest du ihm nur ab und zu auf dem Schulhof beim Rauchen. Aber sonst siehst du ihn jeden Morgen wenn du im Coffee-Shop Deinen Kaffee holst, den du auf dem Weg zur Schule trinkst. In heißen Pappbechern, so dass Du Dir die Finger verbrennst und jedes Mal fluchst, weil du keinen Plastikbecher bekommst. 

»Sorry, ich wollte Dich eigentlich nie beschimpfen …«

Geschenkt, Sarah. Aber lass mich fortfahren: Der Vietnamesenjunge steht jeden Morgen neben dem Coffee-Shop an der Bushaltestelle. Direkt neben dem Ein- und Ausgang. Du kannst ihn gar nicht verfehlen. Weißt Du, wen ich meine?

»Ja, jetzt fällt es mir wieder ein. Er wird meistens von den anderen Schülern blöd angemacht und beschimpft, als Schlitzauge bezeichnet, das hier nichts zu suchen hat…«

Genau, Sarah! Das ist Thien Phuong. Das verdammte Schlitzauge, wie einige zu ihm sagen…

»Aber Du darfst doch keine Schimpfwörter benutzen, du bist doch Gott…«

Wie? Ich darf keine Schimpfwörter sagen? Ich habe sie euch doch erst beigebracht, so wie ich euch alle Sprachen der Welt beigebracht habe! LOL..

Dieses »LOL« von Gott irritierte mich immer wieder aufs Neue. Kaum vorstellbar, dass ein alter Mann mit weißen Bart auf einer Wolke saß und über Facebook  kommunizierte. Und doch…

LOL …

»Was ist mit Thien?«, forderte ich Gott nun das erste Mal selbst auf weiter zu sprechen.

So gefällst Du mir Sarah! Endlich kein erzwungener Dialog mehr, sondern eine richtige Kommunikation. So von Mensch zu Gott! Nun gut, zurück zu unserem verdammten Schlitzauge, wie ihr ihn bezeichnet … Thuong kommt aus Hanoi. Weißt Du wo das ist?

»Das ist die Hauptstadt der Sozialistischen Republik Vietnam«, schrieb ich stolz zurück. Doch Gott ging nicht auf meine guten Geografiekenntnisse ein, sondern schrieb stattdessen:

Thuongs Großeltern flohen einst aus Nordvietnam nach Deutschland. Sie waren große Kritiker des sozialistischen Einparteiensystems und wurden dafür verfolgt. Die darauf folgende Generation der Thuongs ist also genauso Deutsche wie Du selbst. Sie sind hier geboren, haben einen deutschen Pass, gehen zur Schule, arbeiten, heiraten und sterben hier. 

»Sie sind Deutsche, sehen aber anders aus. Und deshalb…«

Deshalb werden sie als verdammte Schlitzaugen bezeichnet. Weißt Du, wie sich das anfühlt, ein Fremder, ein Andersartiger im eigenen Land zu sein?

Schon längst hatte ich den Facebook-Account von Thien Phuong aufgerufen. Sein Foto war mit einem billigen Handy geschossen. Es zeigte einen mageren Jungen mit kurzen schwarzen Haaren, einem hageren Gesicht, hohen Wangenknochen und mandelförmigen Augen.

Sein Lächeln wirkte irgendwie gezwungen.

Soeben wollte ich Gott zurückschreiben, als mich wieder dieser Schwindel erfasste und mich in eine Art Zentrifuge riss, die immer schneller und schneller wurde bis ich direkt in den Geist und den Körper des Vietnamesenjungen Thien Phuong kreiselte…

——————————————

Schon seit ich denken kann beleidigen sie mich: Schlitzauge, Reisfresser, Kanalratte – das sind noch die harmlosen Ausdrücke für mich. Für mein Aussehen. Für das von Mama, Papa, meine Schwester und meine Großeltern. Für meine ganze Familie. Dabei sind wir doch Deutsche, genauso wie sie auch. 

Ich bin hier geboren und gehe hier zur Schule. Meine Familie arbeitet, zahlt Steuern und spricht fließend die Sprache ihres neuen Heimatlandes Deutschland. 

Doch wir – ich – können nicht fliehen vor den spöttischen Bemerkungen und Beschimpfungen über unser »Anderssein«. Nicht vor unseren rassistischen Nachbarn, nicht vor den Neonazis, die einmal im Monat auf dem Marktplatz aufmarschieren, nicht vor ausländerfeindlichen Mitschülern und auch nicht vor dem fünfundneunzigjährigen Rentner gegenüber, der mir einmal auf der Innenseite seines rechten Oberarms die Blutgruppentätowierung zeigte – ein Kennzeichen der Waffen-SS – und mich dann verfluchte und zum Teufel schickte. 

»Na, Reiskacker, was glotzt du so blöd in der Gegend rum und schnupperst deutsche Luft?«

Jäh werden meine Gedanken von den laut und hart ausgesprochenen Worten unterbrochen. An der Stimme, die in meinem Rücken aufgeklungen ist, erkenne ich, wer sie gesprochen hat: Klaus Mauthe, einer meiner Mitschüler. Er ist der Wortführer einer Jungenclique, die ganz im Gegensatz zu mir steht: von Bildung nicht viel hält, oft den Unterricht stört, rau und zuweilen unverschämt und vor allem Ausländerfeindlich ist. 

Ich sage nichts, sondern bleibe ruhig an der Haltestelle stehen, an der ich – wie jeden Morgen – auf meinen Bus zur Schule warte. Leider fahren Mauthe und seine Truppe auch mit ihm. Dennoch krampft sich mein Magen in Erwartung des kommenden Ärgers zusammen. 

Vor mir steht nun die ganze Clique: Neben dem großen, stämmigen Klaus, der untersetzte dicke Harald, der schlaksige Rudolf und der winzige, aber muskelbepackte Kai. Alle vier schauen mich streitsüchtig an. Ich kann die Verachtung, die sie mir entgegenbringen, förmlich spüren.  

»Was wollt ihr?«, frage ich mutiger als ich bin und achtete darauf, dass keine Angst in meiner Stimme mitschwingt.

»Was wir wollen?«, äfft Klaus mich nach. „Ich frage mich, was du willst? Was du hier willst?«

»Ich will einfach nur in Ruhe gelassen werden…«

»Du verstehst nicht, Schlitzauge«, unterbricht mich der Wortführer der Jungenclique barsch. »Was willst du hier in Deutschland? Du und deine ganze verdammte Reisfresserfamilie?«

Mein Herz zieht sich vor Wut zusammen und das Blut rauscht in den Ohren. Mir fällt ein, dass Klaus‘ Vater Mitglied einer rechtsextremen Partei ist. 

In diesem Moment geht ein hübsches blondes Mädchen an der Haltestelle vorbei und in den Coffeeshop nebenan hinein. Ich kenne sie vom Sehen: Sie ist ein paar Jahre älter als ich und macht Abi auf meiner Schule.  

»Meine Familie und ich sind genauso Deutsche wie ihr!«, antworte ich trotzig. Mein ganzer Körper ist angespannt. Zwar habe ich gegen diese Meute keine Chance aber ich bin schnell und sehnig. Gewiss kein bequemer Gegner.

Jetzt fangen die anderen Jungen an zu lachen, kriegen sich beinahe nicht mehr ein.

»Hast du … hast du heute Morgen schon mal in den Spiegel geglotzt und deine verfluchten Schlitzaugen gesehen?«, fragt mich Klaus. Und wieder fangen sie alle an zu lachen. Niemand sonst steht um die Zeit an der Bushaltestelle. Ich bin alleine mit meinen Mitschülern, die wie Jagdhunde hecheln, siegessicher sind und die chancenlose Beute einkreisen.

Und dann sind sie plötzlich alle über mir, schreien und schlagen so lange auf mich ein, bis meine dünnen Beine wie Grashalme umknicken, ich schwer auf den Gehsteig falle und schließlich unter dem Trommelfeuer aus Fausthieben und Fußtritten jede Gegenwehr aufgebe.  

Der glühende Schmerz, der durch meinen gesamten Körper zuckt, ist nicht das Schlimmste – viel schlimmer ist noch, dass mich das blonde Mädchen, das soeben mit einem Pappbecher Kaffee aus dem Coffeeshop zum Auto geht, so am Boden liegen sieht: heulend und mit Schürfwunden, Prellungen und blauen Flecken übersät. Über mir die geifernden Gesichter der jugendlichen Schläger. 

Die Blondine wirft jedoch nur einen kurzen Blick auf die Szenerie und geht schnell weiter zu ihrem Auto. 

Dann kommt der Bus und hält an. Die Bremsen quietschen und die automatischen Luftdrucktüren öffnen sich ächzend. Jetzt lässt die Meute von mir ab und steigt ein.

Ich bleibe zurück, sehe den uninteressierten Blick des Fahrers und höre wie Mauthe und die anderen wie wild gegen die Busscheiben klopfen. Sie zeigen mir ihre Stinkefinger und grinsen kalt.

Ich wische mit dem Ärmel meiner Jacke das Blut aus dem Gesicht, stehe mit zitternden Knien auf.

Deutschland einig Vaterland.

Tränen funkeln in meinen Augen. Vor Wut. Und vor Traurigkeit.

————————————————–

Jetzt fiel es mir wieder ein, wie ich Thien Phuong an der Bushaltestelle liegen gesehen hatte – über ihm eine Meute von Raufbolden. Damals fuhr ich einfach los, ohne ihm zu helfen oder Hilfe zu rufen. Dabei hätte er von den Schlägern totgetrampelt werden können.

Schämst Du Dich jetzt, Sarah?, fragte mich Gott auf Facebook.

»Ja, und wie! Thien hätte tot sein können …«

Deine Reue kommt ein bisschen spät, meinst Du nicht auch? Gott machte mir ein noch schlechteres Gewissen, als ich es ohnehin schon hatte.

»Viel zu spät!«

 


Sarah Young Walsch


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SARAH YOUNG WALSCH: „Gott, Facebook & ich!“ (3)


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 Am nächsten Tag war ich noch immer ziemlich aufgelöst. Und auch Caro hatte nicht locker gelassen: Sie wollte heute am Sonntagmittag bei mir vorbeikommen und nach mir sehen. Aber ich hatte keinen Nerv für ihre lästigen Fragen nach dem warum und wieso. Und auch nicht für ihre Erzählungen über die gestrige Disco-Nacht und die süßen Typen, die sie angebaggert hatten oder auch nicht. Eigentlich war mir das sowas von schnuppe! Deshalb sagte ich ihr ab.

Kennst Du Mandy Ewerts?, schrieb mir Gott wieder auf Facebook.

»Nein! Wer soll das sein?«

Doch, du kennst sie, Sarah! Sie wohnt in deiner Straße und ist so alt wie du.

Jetzt fiel es mir ein, wen Gott meinte: »Tonnen-Mandy«, wie wir sie wegen ihrer Leibesfülle nannten. Sie war mal in meine Klasse gegangen, hatte die Realschule dann aber abgebrochen und ich war aufs Gymnasium gewechselt, wo ich gerade das Abi machte. Doch einen richtigen Kontakt hatte ich zu ihr nie gehabt.

Ich glaube sie hatte früh ein Kind bekommen und war deshalb noch mehr gehänselt worden. Eigentlich sahen wir uns fast nie. Und die wenigen Male, wo es dann doch passierte, gingen wir uns aus dem Weg.

Genau, Sarah: »Tonnen-Mandy« habt ihr sie getauft. Die fette, unansehliche Mandy Ewerts, über die die ganze Schule gelacht und gespottet hat. So wie Du auch!

»Aber …«

Es gibt kein »Aber« wenn man sich über andere lustig macht, Sarah! Nicht, wenn man nur über das Äußere urteilt, den Mensch aber gar nicht kennt. Nicht weiß, warum »Tonnen-Mandy« einfach »Tonnen-Mandy« ist. Oder warum sie dazu WURDE! 

»Nein …«

Eure Vorurteile sind schrecklich, wirklich schrecklich. Habt ihr euch jemals die Mühe gemacht, mit Mandy zu sprechen statt sie auszulachen? Sie nach ihren Problemen zu fragen?

»Nein …«

Und WARUM nicht, Sarah?

»Ich weiß es nicht …«

Du weißt es also nicht? So, so, du weißt es nicht! Und trotzdem habt ihr Mandy – »Tonnen-Mandy« – mit Spott und Häme überzogen, habt sie ausgelacht und geschnitten, gemobbt und verletzt, wo es nur ging! Aber jetzt, jetzt weißt du nicht, WARUM! Ist das nicht seltsam?

Ich wusste nicht, was ich darauf antworten sollte. Gott hatte auch in diesem Fall recht! Wir hatten »Tonnen-Mandy« tatsächlich verspottet – wo und wann immer es nur ging! Am meisten wenn sie vor der ganzen Klasse ein Gedicht aufsagen, singen oder eine Mathe-Aufgabe an der Tafel lösen musste. Wir waren gemein gewesen. Echt gemein.

Dabei weißt Du gar nichts über Mandy, stimmt’s, Sarah?, ließ Gott nicht locker.

»Nicht wirklich …«

Dann werde ich Dir jetzt zeigen, was Du über Mandy wissen solltest!

Bevor ich reagieren konnte erfasste mich erneut dieses rasende Schwindelgefühl, das mein Bewusstsein in ein Karussell verwandelte, das immer schneller und schneller fuhr.

Vor mir erschien plötzlich das Facebook-Profil-Foto von Mandy Ewerts. Der ungepflegten, dicken Neunzehnjährigen, die mich mit ihrem Blick geradezu in sich »einsog«, bis ich selbst »Tonnen-Mandy« war!

————————–

»Schon wieder Nudelsuppe! Ich will den Scheiß nicht mehr essen!« Marvin sieht mich über den Tisch hinweg herausfordernd an.

»Das ist kein Scheiß, Marvin! Und jetzt iss!«

»Vorgestern Nudelsuppe, heute Nudelsuppe. Ich will Schnitzel mit Pommes …«

Ich atme tief durch. »Der Monat hat erst gerade angefangen und wir hab schon fast kein Geld mehr, Marvin! Wir müssen sparen!«

»Ist mir egal, ich WILL Schnitzel!«

Mir reicht’s. Ich lasse mich doch von einem Vierjährigen nicht auch noch beim Mittagessen drangsalieren. »Entweder du isst die Suppe oder du kriegst heute kein Fernsehen mehr!«

Marvin steht so schnell auf, dass sein vollgefülltes Sprudelglas vom Tisch kippt und auf dem Linoleumboden zerbricht. Schnell breitet sich die glasklare perlende Flüssigkeit darauf aus.

»Sag mal, kannst du nicht aufpassen!«, fahre ich meinen Sohn genervt an. Ich nehme einen trockenen Lappen von der Spüle und gehe ächzend auf die Knie. Meine fast hundert Kilogramm Gewicht behindern mich erheblich dabei.

»Mama ist so fett! Mama ist so fett! Mama ist so fett!«, singt Marvin ungeniert und frech. Mir tut das in der Seele weh.

Autsch jetzt habe ich mich auch noch beim Aufwischen an einer Scherbe geschnitten. Und wie das blutet …

»Marvin, hol mir schnell ein Pflaster aus dem Bad!«

»Hol’s doch selber, dicke Kuh! Mama ist so fett! Mama ist so fett …« 

Es dauert eine halbe Ewigkeit bis ich wieder vom Boden hochkomme. Schweratmend, mit Schweiß auf der Stirn. Marvin hat sich in sein Zimmer verdrückt und hängt bestimmt vor seinem kleinen Fernseher.

Ja, ich bin fett. Richtig fett … 

Das Blut läuft nur so von meinem aufgeschnittenen Zeigefinger über die ganze rechte Hand.

Ich beeile mich ins Bad zu kommen, spüle es mit Wasser ab und verpflastere die Wunde. Der stechende Schmerz lässt nur langsam nach.

So ein Scheißtag!

Als ich in die kleine Küche zurückgehe und einen Blick auf meinen leergegessenen und Marvins unangetasteten Suppenteller werfe, kommen mir unwillkürlich die Tränen. Ich habe nicht einmal genug Geld um meinem Kind wenigstens einmal die Woche Fleisch zu kaufen! Was bin ich bloß für eine Mutter? Was ist das nur für ein Leben? 

Das Leben, mein Leben, war nur ein Dahinvegetieren. Mit fünfzehn Mutter geworden. Nicht aufgepasst beim ersten Mal. Gleich die Bombe gezündet, hat Ingo mal gesagt. Ingo, der Vater von Marvin. Damals gerade achtzehn. Als er erfuhr, dass ich schwanger war, hat er sich schnell ins Ausland abgesetzt. Abu Dhabi oder so. Dort schlägt er sich als Fremdenführer durch. Zahlt keine Steuern. Und keinen Unterhalt.

Ihn interessiert Marvin nicht im Geringsten. Und ich gleich gar nicht. Er hat mich da alleine gelassen, wo ich ihn am nötigsten gebraucht hätte.

Und meine Eltern? Die haben mich rausgeschmissen mit meinem »Balg«, meinem »Bastard«, nachdem ich volljährig geworden bin. Ohne Schulabschluss. Ohne Berufsausbildung.

So fahre ich jetzt direkt auf der Sozialamtstraße. Und dort auf der Überholspur.

Neunzehn. Alleinerziehend. Völlig mittellos. Und fett.

Wie oft habe ich daran gedacht, mich umzubringen?

Schon oft. Schon sehr oft.

»Mama ist so fett … Mama ist so fett …«, singt Marvin auf dem Klo weiter. Jedes seiner Worte sticht wie Nadeln in mein Herz und hinterlässt neue, offene Wunden. 

Und ich weine – weine immer weiter und schäme mich so sehr.

Für alles!

So sehr …

Verzeih mir mein Kind, dass ich dir kein besseres Leben bieten kann! Bitte VERZEIH mir!

BITTE…

… mein Kind …

——————————–

Ich schaute aus dem Fenster über die Straße zu dem alten verrotteten Haus. Im zweiten Stock lag »Tonnen-Mandys« – sorry – Mandys Zweizimmerwohnung. Hinter den Fenstern brannte Licht. Einmal vermeinte ich sogar den kleinen Marvin zu erspähen, wie er als Tischgroßer Schatten an den zugezogenen Vorhängen vorbeirannte.

Noch nie hatte ich das gemacht. Noch nie hatte mich das interessiert. Bis auf heute Abend.

Ich habe dir Mandy aus ihrer Sicht gezeigt. Denkst du jetzt anders über sie?, schreibt mir Gott auf Facebook.

»Ja, ganz anders. Sie … sie tut mir irgendwie leid …«

Vielleicht verspottest Du sie das nächste Mal nicht mehr, wenn du sie siehst, mit dem kleinen Marvin an der Hand! Vielleicht grüßt du sie oder redest sogar ein paar Worte mit ihr …

»Ja, vielleicht … Nein, ganz bestimmt. Bestimmt werde ich mit ihr sprechen.«

Sicher?

»Ganz sicher.«

 


 

Sarah Young Walsch


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SARAH YOUNG WALSCH: „Gott, Facebook & ich!“ (2)


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Noch viermal hatte Caro mich an diesem Samstagnachmittag angerufen. Beim letzten Mal ging ich ran und sagte die Disco-Party am Abend mit einer fadenscheinigen Ausrede ab. Ich konnte einfach nicht. Meine beste Freundin glaubte mir zwar kein Wort, aber ich konnte es nicht ändern.

Als der Tag langsam der Dämmerung wich, saß ich immer noch vor meinem Laptop. Tausend Gedanken wirbelten durch mein Bewusstsein. Ich hatte eine Heidenangst mich erneut bei Facebook anzumelden. Aber ich war auch neugierig. Zu dem Zeitpunkt, als meine Mädels wohl schon die ersten Drinks an der Bar intus, die ersten Tänze und Flirts hinter sich hatten, loggte ich mich wieder in das weltweit größte soziale Netzwerk ein. Angespannt und nervös.

Irgendwie hoffte ich, dass das »Gott«-Profil gelöscht war. Sich alles nur als derber Witz herausstellte, ich das Laptop zuklappen, mich anziehen und zu meinen Freundinnen zum Abtanzen gehen konnte.

Aber so war es nicht. Gott – oder wer auch immer das war – war immer noch da! So als ob er auf mich gewartet hätte. Auf die neunzehnjährige Partymaus Sarah.

Hast Du Dich wieder erholt?

Ich atmete tief durch. Dann schrieb ich zurück:

»Sag mir endlich, wer Du bist!«

Ich wiederhole mich nicht dauernd.

»Wenn Du Gott bist, dann will ich einen Beweis!«

Das sieht euch Menschen ähnlich: Wenn ihr irgendwas nicht begreift, etwas euer normales Weltbild über den Haufen wirft, dann akzeptiert ihr das nicht einfach als eine außergewöhnliche Erfahrung, sondern ruft sofort nach einem wissenschaftlichen Beweis!

»Du redest dich raus, Gott!«, konterte ich und kam mir dabei ziemlich altklug vor.

Soll ich plötzlich neben dir auftauchen? Oder dich in himmlische Gefilde mitnehmen? Oder was stellst du dir so vor? Einen Ritt auf einer Wolke vielleicht? LOL.

»Wenn Du tatsächlich Gott bist, dann muss es doch irgendetwas geben, womit du meine Zweifel aus dem Weg räumen kannst?« Ja, jetzt gab ich’s ihm. Und zwar richtig!

Der Beweis ist, dass ich mich Dir über Facebook offenbare! Dass Du mich gerade erfährst!

»Das reicht mir nicht! Das kann irgendwie ein technischer Trick sein, den ich nicht durchschaue!«

Zu Deinem Namensvetter Neal Donald Walsch sagte ich einst dasselbe, was ich nun auch zu dir sage: Ich offenbare mich nicht aus der äußerlichen Wahrnehmung heraus oder durch die äußerliche Beobachtung, sondern durch die innere Erfahrung. Und wenn die innere Erfahrung Gottselbst offenbart hat, ist die äußerliche Beobachtung nicht nötig. Doch wenn die äußerliche Beobachtung nötig ist, ist die innere Erfahrung nicht möglich.

»Ehrlich gesagt ist mir das zu kompliziert«, schrieb ich immer ungeduldiger werdend. »Das checke ich nicht.«

Du wirst gleich verstehen, Sarah…

Langsam hatte ich die Nase voll. Warum hatte ich mich nur auf einen Facebook-Dialog mit diesem unbekannten Spinner eingelassen, während sich meine Mädels in der Disco amüsierten? War ich denn von allen guten Geistern verlassen?

Weißt Du eigentlich was Hunger ist?, fragte mich »Gott« unbeeindruckt von meinen zweifelnden Gedanken.

»Was ist das denn für eine Frage? Na klar, weiß ich was Hunger ist!«

Ich meine richtigen Hunger?

Irgendwie wurde mir plötzlich unbehaglich zu Mute. Auf was wollte »Gott« eigentlich hinaus? Was sollte diese Frage? Ich erinnerte mich daran, wie ich oft Heißhunger auf Fast-Food oder was Süßes verspürte. Wie es sich anfühlte, wenn ich am Samstag zu lange Party gefeiert und eine nicht unerhebliche Menge Alkohol im Magen hatte, Mama aber erst gegen Abend etwas Warmes kochte. Das war eben so üblich bei uns am Wochenende. Dann hatte ich so Hunger, dass mir richtig übel wurde.

Ich meine richtigen Hunger!, wiederholte »Gott«. Und irgendwie kam es mir streng vor, auch wenn das bei etwas Geschriebenem natürlich unmöglich war zu beurteilen.

»Das ist doch richtiger Hunger!«, schrieb ich genervt zurück.

Nein, Sarah, das sind nur Gelüste! Hunger ist etwas ganz anderes!

»Wie meinst Du das?«

Noch ein wenig Geduld … Weißt du eigentlich, wie man Hunger definiert?

»Keine Ahnung.«

Wenn Du bei einer leichten Tätigkeit, wie etwa beim Lernen, weniger als 2100 Kilokalorien konsumierst, dann bleibst du hungrig. Wenn man schwere körperliche Arbeit verrichtet, wie es beispielsweise Bauern oder Bauarbeiter tun, dann braucht man weitaus mehr zum Essen. Und wenn Du weniger als 1600 Kilokalorien täglich einnimmst, dann wird dein Gesundheitszustand lebensbedrohlich. Hast Du das gewusst, Sarah?

»Nein«, schrieb ich gelangweilt aber auch irgendwie unbehaglich zurück.

Rund 130 Millionen Kinder unter fünf Jahren sind weltweit chronisch unterernährt und untergewichtig. Die Todesursache für ein Drittel aller Kinder unter fünf Jahren ist Unterernährung. Durch die Unter- und Mangelernährung der Mütter werden die Kinder schon vor der Geburt geschädigt und ebenfalls untergewichtig geboren. Jedes dritte Kind in den Entwicklungsländern bleibt deshalb kleinwüchsig. Sie sind damit kleiner als westliche Kinder. So wiegt beispielsweise in Indien ein durchschnittlich Neugeborenes nur 2,7 Kilogramm, gegenüber 3,4 Kilogramm in den Industrieländern. 

»Das ist ja schrecklich…«

Ja, Sarah, das ist schrecklich! Hunger und Unterernährung in der Schwangerschaft bedeutet für die werdenden Mütter nicht nur längere Wehen, ein erhöhtes Risiko von Blutungen und Infektionen, sondern auch, dass die meisten bei der Entbindung sterben. Und diejenigen, die überleben, bringen Kinder auf die Welt, die auch schon halb tot sind. Die einen offenen Rücken haben, deren untere Körperhälfte häufig gelähmt ist, deren Gehirn entweder gar nicht oder nur teilweise ausgebildet ist. Diese Kinder sterben meist kurz nach der Geburt. Die anderen leben mit Minder- oder Zwergenwuchs, mit Schwerhörigkeit, Sprachstörungen und verminderter geistiger Entwicklung. Das sind Kinder, die im falschen Land auf die Welt gekommen sind. In der Dritten Welt. 

»Ich will das nicht mehr hören…«

Was willst DU nicht mehr HÖREN? WAS?

»Ich kann das nicht mehr lesen, was Du mir schreibst. Das ist so…«

Du MUSST es Dir aber anhören, Sarah. Denn das ist die Realität! Die Wirklichkeit. Und nicht den Mist, den du täglich auf Facebook postest! Das ist das pure LEBEN!

»Aber nicht für mich…«

Du hast Glück gehabt, Sarah: Statt Hunger und Elend hast du Milch und Honig. Du und die anderen verwöhnten Party-Mäuse…

»Das ist mir noch nie so bewusst geworden…«

Willst Du immer noch wissen was Hunger ist? Was RICHTIGER Hunger ist?

Unwillkürlich schämte ich mich für meine großspurige Erklärung. Aber auch Trotz kam in mir hoch. Irgendwie fühlte ich mich »vorgeführt«, so als sei ich Schuld an dieser wahrhaftig menschlichen Tragödie.

»Aber wenn Du Gott bist, dann kannst Du das doch schnell ändern!«

Es verging eine halbe Ewigkeit, jedenfalls kam es mir so vor, bis »Gott« wieder antwortete.

Das ist genau das, was ihr Menschen immer macht: Läuft irgendwas aus dem Ruder, was ihr verbockt habt, dann bin ich daran schuld und soll es wieder in Ordnung bringen. Aber so läuft das nicht, Sarah!

»Wie läuft es denn dann?«

Ich habe euch Menschen zur Selbstständigkeit erschaffen. Und die habt ihr nicht nur erworben, sondern auch stetig von mir eingefordert! Also habe ich euch diese Freiheit gelassen: die Freiheit selber über euer Schicksal zu entscheiden. Es ist also eure Entscheidung, wenn ihr Krieg führt oder im Frieden lebt, wenn ihr die Wälder abholzt, die Luft verpestet, die Meere verunreinigt, die Tiere ausrottet. Nicht ich, sondern ihr seid dafür verantwortlich! Genauso ist es mit dem Hunger!

»Wie meinst Du das?«

Nicht ich verursache den Hunger in den Ländern, die ihr abfällig Entwicklungsländer nennt, sondern ihr selbst! Die Gründe sind vielfältig: Kriege und Bürgerkriege, Klimawandel, Wachstum der Weltbevölkerung, Vernachlässigung der Landwirtschaft, Landraub, Spekulationen mit Getreide und Nahrungsmittel und deren Verteuerung. Einfach ausgedrückt: Mit zunehmender Globalisierung und Monetarisierung der Welt wird es den Mittellosen immer schwieriger, sich ohne Geld Nahrungsmittel zu besorgen, weil auch die Tauschwirtschaft zu Gunsten der Spekulationen weitgehend abgeschafft wurde. 

»Auch das ist mir irgendwie zu kompliziert…« 

Ich gebe Dir ein Beispiel: Die Armen müssen achtzig bis neunzig Prozent ihres spärlichen Einkommens für Essen ausgeben, während das in den reichen Ländern nur zehn bis fünfzehn Prozent sind. Und das obwohl es eigentlich genügend Nahrungsmittel gibt! Aber die ganze Verteilungskette ist falsch. Und die habt ihr zu verantworten und nicht ich! Warum fragt ihr euch nicht selbst?

»So habe ich das noch nie gesehen.«

Dann freut es mich, dass ich Dir die Augen öffnen konnte. Aber trotzdem weißt du noch nicht, was richtiger Hunger ist, Sarah …

Dieses Mal zögerte ich mit der Antwort. »Gott« hatte recht. Ich wusste wirklich nicht, was »richtiger« Hunger war.

… Und deshalb sollst du ihn am eigenen Leib erfahren…

»Wie meinst Du…«

Noch bevor ich die Frage zu Ende geschrieben hatte, erfasste mich plötzlich ein starkes Schwindelgefühl. Etwas wirbelte mein Bewusstsein wie in einem Mixer durcheinander. Immer schneller und schneller. Ich hatte nicht einmal mehr Zeit Luft zu holen.

Vor mir tauchte das abgemagerte Gesicht eines schwarzen Kindes auf. Fliegentrauben bedeckten Nasenflügel und Lippen. Die dunklen Augen waren weit aufgerissen. In ihnen spiegelte sich unsägliches Leid und Schmerz.

Ein Foto von Brot für die Welt oder einer anderen Hilfsorganisation, deren Seite hier auf Facebook vertreten war.

Diese dunklen, erstarrten, anklagenden Kinderaugen zogen mich fast magisch an. Eine hypnotische Kraft ging von ihnen aus, gegen die ich mich nicht wehren konnte.

Mein Blick verschmolz mit dem des Kindes.

Und dann –

– dann war …

… ICH dieses Kind!

——-

 

Cheja hängt leblos in dem verwitterten Tragebeutel zwischen den fladendünnen Brüsten von Babu, meiner Mama. Ihr Gesichtchen ist eingefallen und aschfahl. Die Augen vor Schmerz erstarrt, die anklagend in eine unbekannte Ferne blicken. Ihr winziger Körper besteht nur noch aus Haut und Knochen. Die kleinen Hände sind ineinander verkrampft, schaukeln jedes Mal hin und her, wenn Mama sich bewegt.

Cheja ist heute gestorben.

Nicht einmal zwei Jahre alt ist sie geworden.

Sondern vorher elendig verhungert.

Uns hängt seit Stunden leblos im Tragebeutel.

Aber Mama weigert sich das zu akzeptieren. 

Große schwarze Schmeißfliegen sitzen auf meiner kleinen Schwester. Legen ihre Eier ab, aus denen glitzernde Maden schlüpfen, die Cheja…

… die Cheja –

auffressen! 

Die sich an meiner kleinen, meiner toten, meiner verhungerten Schwester laben.

Die von ihr leben!

Eritrea, Nordostafrika.

Immer wenn die große Dürre kommt sterben so viele Menschen, wie es Sterne am Nachthimmel gibt. Und Kinder. So wie fünf meiner neun Brüder.

So wie Cheja…

Immer nur die ewige Sonne. Die ewige Hitze. Der tägliche Kampf um einen Schluck Wasser. Um eine halbe Handvoll Essen. Wenn überhaupt.

Ich sitze auf dem Boden.

Apathisch. Stumm.

Um mich herum nur Trockensavanne, Staub und Hitzeflimmern.  

Mama Bambu – mit meiner toten Schwester Cheja im Brustbeutel -schlägt mit einem Ast auf etwas auf dem seit Monaten ausgetrockneten Boden ein, was ich nicht mehr sehen kann. Denn mein Augenlicht schwindet immer mehr.

Bald wird alles eins sein:

Licht und Schatten.

Himmel und Erde.

Leben und Tod.

In meinem Inneren nagt der böse Geist des Hungers. Schon unzählige Tage und Nächte lang.

Der böse Geist des Hungers lässt meinen Magen und meine Gedärme schrumpfen und mein Sehvermögen verschlechtern.

Der böse Geist des Hungers bringt mir ewigen Schwindel, Haarausfall, Blutungen und Hautentzündungen, Blindheit, Zahnausfall, und Muskelschwund.

Aber der böse Geist des Hungers bringt mir noch mehr: Abmagerung, Wachstumsstillstand, Blutergüsse, Masern, Durchfallerkrankung, Leberschwäche, Atemnot, Lungenentzündung, Herzmuskelfaserrisse…

Mein Name ist Aini. Das bedeutet Frühlingsblume.

Ich bin die Tochter von Mama Bambu und Papa Hamza.

Ich lebe in Eritrea, das unser Stamm das »Land der ewigen Sonne und des ewigen Todes« nennt.

Ich bin neun Jahre alt.

Ich bin vor Hunger bis auf die Knochen abgemagert.

Ich bin zu schwach um zu atmen. Nur der Schmerz, der mich begleitet wie Mama Bambus abendliches Nachtlied, ist da. Er ist immer da. Und überall.

Ich habe große Angst vor dem was nun kommen wird. 

Denn ich –

– sterbe auf dem trockenen, staubigen Savannenboden, aus dem ich einst geboren wurde.

Ganz alleine.

So als ob es niemand mitbekommt.

Langsam und elendig…

————

Voll geil hier! Super süße Typen und geile Mucke! Komm doch noch! BITTE! Caro.

Ich löschte die SMS noch bevor ich sie richtig gelesen hatte. Denn noch immer saß ich weinend vor meinem Laptop.

Caro, die süßen Typen, die geile Mucke, die Disco – dieser ganze Scheiß konnte mir so was von gestohlen bleiben…

Aini.

Cheja.

Bambu.

Hamza.

Jetzt weißt Du, was Hunger ist, Sarah! Was RICHTIGER Hunger ist, nicht wahr?

Gott hatte RECHT! Und wie er recht hatte!

Ich wischte mir die Tränen aus den Augen. Das Herz trommelte noch immer wild gegen meine Brust und das Blut rauschte in meinen Ohren.

Meine Hände zitterten, als ich den Laptop ausschalten wollte. Es war mehr als ich ertragen konnte.

Eritrea.

Das Land der ewigen Sonne und des ewigen Hungers.

Für heute wollte ich Schluss machen.

Aber Gott ließ nicht locker.

Ich fühlte mich bedrängt. Gott schien das irgendwie zu spüren, zu ahnen oder weiß ich was, denn er schrieb:

Wenn Du lieber in die Disco gehen möchtest, dann ist das kein Problem! Die süßen Typen und die geile Mucke warten! Und Caro!

Ich atmete tief durch. Wusste im ersten Moment nicht was ich schreiben sollte.

»Es ist nicht einfach zu verdauen…was Du gerade mit mir gemacht hast…«

Glaubst Du für Aini ist das Leben und die Wahrheit darüber leichter oder was?

»Nein, das wollte ich nicht damit sagen…«

Während du Dich gerade entschlossen hast doch noch in die Disco zu gehen, um Dich von dem anstrengenden Chat mit Gott abzulenken…

»… woher weißt du…«

… ist Aini gestorben!  

»Nein! Bitte nicht …«

Gerade eben!  

Jetzt konnte ich einfach nicht mehr! Ich heulte mir die Seele aus dem Leib.

Und dann schrieb ich voller Zorn und Wut: »WARUM hast du das nicht verhindert? Warum nicht, du scheiß blöder Gott …«

Lange kam keine Antwort. Dann las ich schluchzend:

Der Tod, und dann noch der Tod eines Kindes, mag Dir sinnlos vorkommen. Ich aber sage Dir, dass Aini ihr qualvolles Leben bereits vollendet hat. Ihre Heimat – wie die aller Gläubigen – ist nicht die leidvolle Erde, sondern der barmherzige Himmel, in dem es keine Schmerzen und keine Qualen gibt. Dort ist Aini jetzt. Glücklich vereint mit ihrer Schwester Cheja. Was glaubst Du, Sarah, wo Aini jetzt lieber sein möchte? 

Ich schrieb nichts zurück, sondern dachte über Gottes Worte nach.

Dann hörte das Weinen auf. 

 


 

Sarah Young Walsch


Teil 1:

https://guidograndt.wordpress.com/2015/05/30/sarah-young-walsch-gott-facebook-ich-1/

Mehr hier:

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 https://www.alaria.de/home/2820-gott-facebook-und-ich

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

SARAH YOUNG WALSCH: „Gott, Facebook & ich!“ (1)


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Ein paar Worte vorab von mir …

Sarah kenne ich seit dem Tag ihrer Geburt. Schon wenige Stunden danach habe ich sie im Krankenhaus in den Armen ihrer Mutter Elke gesehen: Ein rosiger kleiner Wurm, der selig an der Brust Elkes schlief. Nie werde ich das strahlende Gesicht ihres Vaters, Tommy Paul Walsch, vergessen, in denen Tränen vor Glück und Stolz schimmerten. Das ist jetzt neunzehn Jahre her.

Mit Tommy bin ich schon seit Urzeiten befreundet. Er ist Journalist wie ich selbst. Sein Vater war amerikanischer GI, der in Heidelberg stationiert war. So hatte Tommy das Glück nicht nur perfekt Deutsch, sondern auch Englisch zu sprechen und zu schreiben. Beide haben wir als Freelancer für eine große deutsche Zeitung gearbeitet und uns auch dort kennengelernt.

Als mir Sarah eines Tages von ihrer tiefsinnigen und tiefgreifenden »Gottes-Begegnung« erzählte, bat ich sie, diese niederzuschreiben. Tommy winkte mit einem Lächeln ab, denn das hatte er seiner Tochter schon seit längerem ans Herz gelegt. Aber wie das einmal so ist – hören Kinder lieber auf Dritte, als auf die eigenen Eltern.

So schrieb Sarah ihre unglaubliche Geschichte auf, die mich von Anfang an fesselte. Ich fragte, ob sie diese nicht einem breiten Leserkreis zur Verfügung stellen wollte. Und auch hier willigte sie ein, nicht ohne mich darum zu bitten, diese in eine Erzählform zu bringen. Dem bin ich gerne nachgekommen.

Vielleicht ist es nur ein dummer oder aber ein großartiger Zufall, dass sich Sarahs Nachname »Young Walsch« aus denen der wohl zurzeit bekanntesten christlichen Autoren zusammensetzt: Neale Donald Walsch und William Paul Young.

Walsch ist weltweit bekannt geworden mit seinen Gesprächen mit Gott (Conversations with God) und Young mit seinem Überflieger-Bestseller Die Hütte (The Shack), der nicht nur in den USA zu einem der meist verkauften Büchern wurde. So gesehen kann Sarah dankbar sein die Namen dieser beiden ungewöhnlichen Menschen vereint zu tragen. Beide – Neale und William (Bill) – kennt sie natürlich nicht persönlich, hat aber später ihre Bücher gelesen. Auch ich kann sie mit gutem Gewissen jedem wärmstens ans Herz legen, der etwas Hoffnung in dieser trist gewordenen Welt braucht.

So reiht sich auch Gott, Facebook und ich (God, Facebook and me) in ein relativ neues Genre ein: in die »Visionary Fiction«, in der übrigens auch die Bücher von Neale Donald Walsch und William Paul Young angesiedelt sind.

Im weitesten Sinne bezeichnet »Visionary Fiction« Romane, Essays, Novellen und Erzählungen, in denen der menschliche Geist mit einem stark visionären Element und deren Erfahrung die weitere Handlung bestimmt. Dies können Dialoge mit Gott oder göttlichen Wesen sein, mystische, spirituelle oder Nahtod-Erfahrungen, präkognitive Träume (Wahrträume) oder paranormale Erlebnisse oder aber ein bloßes philosophisches Konzept. Die Bandbreite hierbei ist groß.

Schon von Anbeginn der Zeiten prägten solche – überwiegend religiösen – Erfahrungen die Texte der Menschheit. Bezogen auf die Bibel fallen im Alten Testament die visionären Erfahrungen Moses und im Neuen Testament die Jesus ein. Dasselbe gilt im Islam für Mohammeds Geschichte, im Hinduismus für deren Propheten und im Buddhismus natürlich für Buddhas Leben und Wirken.

»Visionary Fiction« soll also ein Weg sein, um das »neue, das erweiterte Bewusstsein« zu verstehen. Um klar zu machen, wie groß und grenzenlos die zunehmende Macht des menschlichen Geistes ist.

So entführt Gott, Facebook und ich den Leser über die Grenzen der psychischen und emotionalen Erfahrungen hinaus. Das Lesen wird damit zu einem befreienden Sinn- und Werteverständnis.

Und genau das ist die eigentliche Stärke von Sarahs Erzählung, von der ich mir wünsche, dass sie so viele Menschen wie nur möglich erreicht. Vor allem auch die junge Generation. Denn die Welt braucht hoffnungsvolle Fackelträger, um die Finsternis zu vertreiben. Und wenn das Licht auch noch so klein ist.

Sarahs Geschichte hilft Werte wieder auszugraben, die in der heutigen Zeit vielfach unter dem Schutt elektronischen Mülls und TV-Einheitsschrott vergraben liegen. Eingeäschert und oft von der »Facebook-Jugend« vergessen.

Letztlich ist es auch unerheblich, ob man daran glaubt, Sarah hätte nun eine Gottes-Erfahrung gemacht oder nicht. Denn das wichtigste an »Gott, Facebook und ich« ist die Vermittlung von Werten. Mit ihnen ist es wie mit dem Glauben:

Man kann sie nicht verkünden, man muss sie leben.

Erst dann wird die Welt besser, als sie ist.

Und jetzt lasse ich Sarah sprechen …


Sarah Young Walsch

Ich bin alles andere als gläubig oder gar eine Kirchgängerin. Ganz und gar nicht. Auch meine Eltern sind das nicht. Eigentlich bin ich ein 19-jähriges Partygirl, das sich gerne in diversen Discos, Clubs und Bars die Nächte um die Ohren schlägt – beim Feiern, Abtanzen, Trinken und Flirten. So wie die meisten meiner jugendlichen ZeitgenossInnen. »Facebook-Kids« eben. LOL.

Über Gott habe ich mir eigentlich vorher nie so richtig Gedanken gemacht. Nun ja, sicherlich gibt es da etwas zwischen Himmel und Erde. Etwas, das wir uns noch nicht erklären können. Irgendeine Macht. Aber schließlich hätten sich die Neandertaler damals auch kein Internet oder Fernsehen erklären können und doch haben diese technischen Errungenschaften des Menschen nichts aber auch gar nichts mit Gott zu tun. Oder etwa doch?

Vor meiner Erfahrung glaubte ich, dass auch Gott irgendwann einmal erklärbar sein würde. Dessen war ich mir ganz sicher.

Und doch wurde ich eines Besseren belehrt. Gott wird für uns nie erklärbar sein können, nicht im metaphysischen, nicht im psychologischen, gleich gar nicht im biologischen, chemischen oder physikalischen und nur annähernd im religiösen Sinne. Gott ist kein Übervater, der uns mit himmlischen Strafen belegt. Nein, Gott ist nichts anderes und damit alles und viel mehr als alles andere: er ist unser ständiger Begleiter. Unser Freund! Genau das habe ich selbst erfahren. Auf eine höchst merkwürdige und eigentlich unglaubliche Art und Weise, die bei einigen, denen ich davon erzählte, auf Skepsis stieß, bei anderen wiederum auf große Freude und Bewunderung.

Seit meiner »Gottes-Begegnung« – oder wie auch immer man so etwas auch nennen mag – veränderte sich mein Leben schlagartig und in einer Weise, mit der ich niemals gerechnet hätte! Ich lernte eine Welt kennen, die für mich bis dahin nicht existiert hatte, obwohl sie älter ist als alles andere was wir Menschen kennen. Eine Welt für die es sich lohnt zu leben und manchmal auch zu leiden. Denn diese Welt verheißt unendliches Glück, Vertrauen und Liebe.

Nehmt meine Hand und ich führe euch dort hin. Entdeckt mit mir diese inneren Orte, die leider für viele verschlossen bleiben, die viele immer noch nicht kennen, weil sie (an) nichts glauben. Genauso wie ich damals. Macht mit mir die größte Entdeckungsreise eures Lebens. Eine Reise, die auf die höchsten Gipfel und die schönsten Inseln eures eigenen Seins führen wird.

Nehmt also meine Hand. Vertraut mir. Habt keine Angst und kommt mit.

Jetzt…

————-

Wenn mir jemand noch vor kurzem gesagt hätte, dass ich Gott auf Facebook begegnen würde, dann hätte ich ihn für komplett verrückt erklärt. Ihr sicherlich auch.

Gott und Facebook – da lagen nicht nur – im wahrsten Sinne des Wortes – eine Welt, sondern das ganze Universum dazwischen! Das eine hatte mit dem anderen nichts zu tun. Gott war eben Gott: in der Vorstellung der meisten Christen ein alter Mann mit grauem Bart, der im Himmel auf einer Wolke sitzt und vergrämt oder rachsüchtig, manchmal auch gütig die Menschen betrachtet. Und Facebook war mit über einer Milliarde Nutzern das größte, erfolgreichste und bekannteste soziale Netzwerk der Erde, eine eigene machtvolle virtuelle Welt. Nein, Gott und Facebook passten genauso wenig zusammen wie Paris Hilton und das Arbeitsamt. Oder Angela Merkel und Brad Pitt.

Gott und Facebook – never ever!

Ich kann mich noch ganz genau an den Tag erinnern, an dem ich mich an mein Laptop setzte. Es war einem Samstagnachmittag Anfang November. Draußen war es regnerisch, windig und kalt. Der Himmel dunkel bewölkt.

Abends wollte ich mit meinen besten Freundinnen, meinen Mädels, in die größte Disco der Stadt gehen. Wie jeden Freitag- und Samstagabend. Zuvor jedoch surfte ich noch wahllos im World Wide Web herum, klickte Online-Versandhäuser an um mich über die neusten Schuh- und Handtaschentrends zu informieren, sah mich bei Billig-Reiseveranstaltern um, wohin der nächste Partyurlaub gehen könnte. Schließlich loggte ich mich auf mein Facebook-Profil ein, stöberte meine Nachrichten durch und übersah dabei zunächst großzügig die Freundschaftsanträge.

Eigentlich war ich ein hübsches Mädchen – das jedenfalls sagte man über mich: Schlank, mittelgroß, blonde lange Haare, das seit dem 15. Lebensjahr keinen Push-Up mehr brauchte. Die Typen flogen geradezu auf mich. Das war Segen aber auch Fluch zugleich!

Zwar hatte ich durch mein Aussehen keine Probleme Jungs kennenzulernen, musste nicht einmal etwas dafür tun, aber dafür waren fünfundneunzig Prozent davon Angeber, Machos oder Selbstverliebte. Und das war ein No go für mich! So lernte ich also am allerwenigsten die Netten, sondern meist die Idioten kennen. Leider aber sahen genau diese gut aus und passten in mein »Beuteschema«. Dies war wohl auch der Grund warum ich nach zwei längeren Beziehungen – jeweils drei Jahre – gerade Single war. Weil ich auf die gutaussehenden »Vollspacken« einfach keine Lust mehr hatte und insgeheim hoffte, dass auch mal ein angenehmer Netter bei mir anklopfte.

Nachdem ich ein bisschen auf meiner Facebook-Seite gelesen hatte, was meine virtuellen und richtigen Freunde alles so trieben, welchen Vorlieben sie gerade nachgingen oder welches Problemchen sie hatten, ging ich zurück auf die Freundschaftsanträge, schaute sie kurz durch und bestätigte den einen oder anderen.

Wieder einmal sahen die Jungs, die mich geaddet hatten, umwerfend aus aber die meisten von ihnen waren bestimmt hohl in der Birne. Sicher ein Vorurteil, aber in dieser Hinsicht war ich ein gebranntes Kind – und das im wahrsten Sinne des Wortes. Es schadete aber nichts meine inzwischen über neunhundert Mitglieder zählende »Freunde-Liste« weiter aufzupeppen. Das war gut für den Ruf, besser gesagt für meine »Beliebtheitsskala«.

Danach wechselte ich zu meiner »Pinnwand« und sah sie durch. Die Beiträge waren auch für andere Nutzer auf Facebook ersichtlich. Doch eine Nachricht hob sich mehr als deutlich von allen anderen ab. Nicht wegen ihrer grafischen Gestaltung, die war gleich wie alle anderen, sondern wegen ihrer unglaublichen Aussage:

Möchtest DU mit mir in Kontakt treten? Dann klicke auf mein Profil. Absender: GOTT.

Ich musste laut lachen. Was für ein ausgemachter Schwachsinn! Jetzt wurde man schon auf diese Art und Weise hereingelegt. Naja, Facebook macht’s möglich. Oder war das lediglich ein außergewöhnlicher Werbegag einer Marketingfirma? Jetzt war meine Neugierde doch geweckt, also klickte ich das Profil an.

Das Foto war leer. Ich war enttäuscht, denn ich hätte Gott gerne mal gesehen. So auf einer Wolke mit langem Bart und strengem Blick. Vielleicht aber sah er auch aus wie Justin Bieber?

Ganz oben auf dem Profil stand der Name: GOTT.

Geboren am: Anfang der Zeit.

Wohnt in: Universum.

Spricht: Alle Sprachen der Welt. 

Ich klickte links auf die »Pinnwand« und Fotos, doch die waren leer. Nur bei Freunde wurde ich fündig: 2,26 Milliarden!

Ich musste nochmal genauer hinsehen. Doch die Zahl blieb. 2,26 Milliarden!

Wohl ein schlechter Scherz, so wie eigentlich das ganze Profil! Ich wusste, dass die Facebook-Administratoren höchstens 5000 Freunde zuließen.

So klickte ich also auf den »Freunde-Reiter«, der sich sogleich öffnete. Vor Überraschung stockte mir der Atem! Unzählige Fotos öffneten sich nacheinander. Ich scrollte mich durch Bilder von Menschen aller Nationen, Hautfarben und Alter. Ich wusste nicht wie lange, aber es kam mir wie Stunden vor. Dann hörte ich auf. Meine rechte Hand und meine Finger mit denen ich die Maus bediente, taten höllisch weh.

Wie konnte das sein? Wie konnte jemand so viele Fotos auf seiner Freundesseite haben? Das war unmöglich! Völlig unmöglich. 2,26 Milliarden! Verdammt, ich glaubte langsam, dass ich irre geworden war. Doch das ließ mir keine Ruhe. Bei Wikipedia wurde ich schließlich fündig: Die Zahl beruhte auf der Anzahl der Christen. Weltweit gab es 2,26 Milliarden Anhänger des Mannes aus Nazareth.

Minutenlang saß ich einfach nur da, völlig in Gedanken versunken und wartete darauf, dass sich meine Muskeln und Sehnen an meiner rechten Hand wieder erholten. Dann griff ich erneut zur Maus und scrollte weiter die Fotogalerie hinunter. Immer weiter. Die Bilder hörten nicht auf.

Schließlich gab ich es auf. Ich war wütend! Unglaublich wütend. Wer erlaubte sich einen solchen Scherz? Und vor allen Dingen – wie war das überhaupt technisch möglich?

Noch einmal blickte ich auf das »Gott«-Profil und plötzlich sah ich ein Foto, das vorher noch nicht dagewesen war. Es war die Nahaufnahme eines alten Mannes, eines Greises mit schlohweißem Haar und Vollbart, einem faltenzerfurchten Gesicht mit einer leicht gebogenen Nase und einem sanften Mund. Das Gravierendste aber waren die Augen des Alten: stahlblau und stechend und doch voller Barmherzigkeit und Güte.

Diese Eindrücke schwappten wie eine riesige Welle in mein Bewusstsein. Für einen Augenblick drohte ich darin zu ertrinken, konnte mich aber wieder fassen. Unbewusst aktivierte ich die Facebook-Chatfunktion. Augenblicklich erschien folgender Text meines Chatpartners auf dem Bildschirm:

Stellst Du Dir so Gott vor, Sarah Paul Walsch?

Von dieser Eröffnung war ich so überrascht, dass ich zunächst einfach nur reglos vor dem Laptop saß. Schweiß perlte auf meiner Stirn. Ich zitterte am ganzen Leib. Wer um Himmelswillen führte mich hier so vor?

Hat es Dir die Sprache verschlagen, Sarah?

Dann fasste ich mir ein Herz und schlug wie wild in die Tasten.

»Wer bist Du?«

Du weißt doch wer ich bin! Du hast mein Profil angeklickt – ich bin GOTT!

Eine eisige Faust legte sich um mein Herz, schien es zusammenzudrücken. Wieder stieg die Wut in mir hoch, ließ mich mit dem unbekannten Hochstapler weiterchatten. Fast rasend.

»Du bist nicht Gott! Du bist irgendein kranker Spinner, der sich hier einen schlechten Scherz erlaubt! Einen verdammt schlechten Scherz!«

Das glaubst Du also wirklich, Sarah? Und wie erklärst Du Dir dann meine 2,26 Milliarden bestätigten Freunde auf Facebook?

Meine Wut wuchs weiter.

»Wie du das mit den Freunden gemacht hast weiß ich nicht. Das ist tatsächlich beeindruckend. Aber sicher nur irgendein Trick.«

Du bist eine Ungläubige, Sarah. Die Facebook-Administratoren würden dies nie zulassen. Und das weißt du!

Tatsächlich wusste ich gerade gar nichts mehr, nicht die Bohne! Obwohl ich ansonsten wahrlich nicht auf den Mund gefallen war. Natürlich hatte der Typ recht: Facebook würde und konnte niemals eine solche Zahl an Freunden bei einem einzelnen Profil aufnehmen. Was ging hier ab?

Als ich gerade überlegte, was ich als nächstes Schreiben sollte, klingelte mein Handy, das neben mir auf dem Tisch lag. Es war Caro, meine beste Freundin.

»Na, du, schon fit für heute Abend?«, fragte sie fröhlich statt einer Begrüßung. Und ohne meine Antwort abzuwarten fuhr sie fort: »Also ich werde heute Abend meine neuen rosa High-Heels anziehen und meinen Pink-Mini. Und du?«

Caros Frage schien mir auf einmal von weit her zu kommen. Sie war so oberflächlich und so unwichtig, dass ich einfach schwieg.

»He, Sarah, was ist los?«

»Ich…ich…chatte gerade in Facebook…«

»Mit wem? Kenne ich ihn?«

»Irgendwie schon und irgendwie nicht.«

»Was soll das denn heißen? Ist er wenigstens süß?«

Gedankenversunken drückte ich Caro einfach weg.

Ist er wenigstens süß?, echote es in meinem Gehirn.

Oh, mein Gott…

Gott… 

Warum hast du Caro nicht gesagt, dass du mit Gott chattest? Und Gott tatsächlich SÜSS ist?

Ich traute meinen Augen nicht, als ich das las. Woher wusste der Kerl, wer gerade bei mir angerufen und was Caro gesagt hatte? Wie war das nur möglich?

Für Gott ist alles möglich, Sarah! Ich habe das Universum erschaffen, glaubst du wirklich mir bleibt verborgen, WER dich gerade angerufen hat?

Ich war immer noch fassungslos, perplex. Zitterte noch immer am ganzen Körper. Wieder klingelte mein Handy.

Caro.

Ich ignorierte sie.

Geh ruhig ran, Sarah. Ich kann warten bis wir unseren Chatdialog weiterführen. Im Warten habe ich Jahrtausendlange Übung. LOL.

Das war zu viel für mich. Völlig fertig beendete ich den Facebook-Chat, klinkte mich ganz aus dem Internet aus und blieb fassungslos sitzen. Minutenlang.

LOL…

Mein Gott…

Gott!

Das war meine erste Kommunikation mit Gott. Und damit begann das Abenteuer meines Lebens …

Sarah Young Walsch


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