»Mit dem Herzen eines Tigers« – Kindergladiatoren in Pattaya (1)

Veröffentlicht in
dorian grey 02.11.12

Eine investigative Reportage von Guido Grandt

Ein kahler Raum in einem schmuddeligen Hinterhof einer gottverdammten Bierbar, irgendwo in Pattaya. Die vor Dreck und Ruß strotzenden Steinwände, die vor einer halben Ewigkeit bessere Zeiten gesehen haben, dünsten Blut und Tränen aus. So jedenfalls kommt es einem vor. Hier herein verirrt sich nicht einmal die schwüle Tropennacht. Geschweige denn das Mondlicht. Nur eine flackernde Stehlampe leuchtet den unwirtlichen Raum aus. In der Ecke, direkt neben der überfüllten Mülltonne, wuselt eine gigantische Kakerlake über den Steinboden. Moskitos surren umher, angelockt vom Schweiß der Kinder, die stehen, sitzen oder liegen. Die ältesten von ihnen sind zwölf, die jüngsten gerademal fünf.

Kein Mucks. Beinahe atemlose Stille und Konzentration auf das bevorstehende Ereignis: die Thaibox-Kämpfe. Muay Thai. Die Kinderkämpfe. Ausgetragen in der Arena einer billigen Abschlepp-Bar, wie sie es hier zu dutzenden gibt. Die Väter sind gleichzeitig auch die Trainer. Mit fleckigen, abgetragenen Klamotten und vor Armut gezeichneten Gesichtern massieren sie ihren Kindern speckiges Minzöl ein. Damit soll, davon sind sie überzeugt, ihr Blut schneller durch die Adern peitschen und ihre Atmung verbessert werden. Als die Alten ihren Jungen die Boxbandagen anlegen klimmt in ihren ansonsten desillusionierten Augen so etwas wie Stolz auf. Stolz auf Tochter oder Sohn, die für eine kleine Gage ihre Gesundheit aufs Spiel setzen, damit sie auf dem Karussell des Lebens weiterfahren können. Wenn auch nur ganz, ganz langsam. Aber wenigstens ein paar Runden mehr.

Nur der siebenjährige Prasong[1] muss sich selbst die Bandagen anlegen. Niemand hilft ihm. Sein Vater ist vor kurzem gestorben. Aus der Not heraus muss er nun für sich und seine Mutter boxen, um wenigstens etwas Geld für Essen zu verdienen. Heute schwächelt er. Er ist krank. Eine Erkältung. Trockener Husten, laufende Nase, pfeifende Bronchien. Doch es hilft nichts. Er hat sich angemeldet und muss raus in den Ring.

Der Countdown läuft. Auf dem Mondbeschienenen Parkplatz des Hinterhofs versammeln sich die kleinen Fighter. Neben uralten Schrottmühlen, neuen Toyotas und Tuk Tuk-Taxis. Sie umringen den Veranstalter, Barbesitzer und Schiedsrichter. Trotz seiner nur ein Meter sechzig ragt er aus der Reihe der Kinder heraus. Er stellt die einzelnen Kämpfer nicht nach Gewichtsklassen, sondern nach Größe zusammen. Eine Waage gibt es hier nicht. Aber das interessiert niemanden. Nicht in Pattaya, an der Ostküste des Golfs von Thailands gelegen. Gerademal zwei Autostunden südlich von Bangkok entfernt. Mit etwas über 100.000 Einwohnern gilt das einstige Fischerdorf als die „verrufenste“ Stadt des Landes. Hier gaben und geben sich seit Jahren Sextouristen und Pädophile aus der ganzen Welt ein Stelldichein. Leben das aus, wonach ihre dunklen, perversen Seelen verlangen. Trotz zunehmender Polizeikontrollen. Selbst an einigen der unzähligen Verkaufsstände an der Beachroad liegen unter nachgemachten Marken-Jeans-, T-Shirts-, Uhren und Raubkopien von CDs und DVDs abscheuliche Kinderpornos. Man muss nur wissen wo. Übelster, brutalster Brechreiz-Schund für umgerechnet ein paar Euro. Von halbwüchsigen »Teenies« bis »petite« und »very young«. »Hard« oder »soft«. »With or without animals«. Und gleich gegenüber an der Strandpromenade und auch anderswo stehen sie, die jungen und die ganz jungen Girlies und Boys. Aufgebrezelt mit Bauchnabelkurzen Miniröcken und endlosen Highheels. Bereit zum Abschleppen. Für eine halbherzige Nummer mit einem alten Sack aus Übersee. Ein Toast auf die Globalisierung und die Billigflieger.»Lolita meets Grandpa«. Das reimt sich sogar und ist doch nur noch zum Abkotzen.

Das alles weiß und sieht auch die neunjährige Joy. Jeden Tag aufs Neue. Vor allem während der High Season von November bis April. Sie lebt hier in Pattaya. Ihre Eltern betreiben eine kleine Garküche. Doch das Geld reicht hinten und vorne nicht. Und so schleppt ihr Vater sie zu fast jedem Kinderkampf in einer der vielen Touristenbars. Auch um ihr das Schicksal der Mädchen auf der Beachroad oder in den Clubs in der Walking Street, der legendärsten Sex-Meile der Welt, zu ersparen. Auch heute Abend steht sie wieder mit den anderen Kindern auf dem nächtlichen Hinterhof. Nachdem der Kampfrichter die jeweiligen Boxpartner eingeteilt hat, geht’s ab durch die Hintertür der Bierbar.

Der Geruch, der ihnen entgegenschlägt, ist immer derselbe: Eine Mischung aus säuerlichem Männerschweiß, süßem Girlieparfüm, billigem Chang-Beer, schnellem Sex und unterdrückter Aggression. Hier treffen die Urtriebe des Menschen aufeinander, versetzen die einheimischen Frauen und die fremden Männer, die farangs, die Ausländer, in einen ursprünglichen Marktrausch aus Angebot und Nachfrage. Aus Geben und Nehmen. Notgedrungen und unkompliziert auf der einen Seite, triebgesteuert und spaßhalber auf der anderen. Falsches Lächeln gegen echte Bahts. Oder Himmel und Hölle für alles oder nichts. In diesen offenen Anbaggerbars ist die Eurokrise so weit weg wie der schwarze Mann im Mond von der guten alten Erde.

Auch für den gewichtigen Peter aus Münster. Er arbeitet auf einem Amt. Wo genau verrät er nicht, aber hier und jetzt pfeift er auf deutsche Tugenden, deutsche Bürokratie und vor allem auf deutsche Frauen. Auf diese ewig nörgelnden, besserwisserischen, frigiden Weiber, die ihm das Leben so schwer gemacht und sein üppiges Beamtensold in Unterhaltszahlungen verwandelt haben. Nach zwei Ehen. Zwei gescheiterten Ehen, wohlgemerkt. Nur auf das deutsche Essen will und kann er auch hier nicht verzichten. So geht er einmal am Tag rüber zu »Antons« oder »Gerhards« oder »Inas Bistro & Biergarten« oder gleich zum »Pfälzer Bierstüble«. Jetzt aber sitzt Peter auf einem Plastikstuhl an der Bierbar. Der kleine Ventilator auf der Bartheke bläst ihm direkt in das aufgedunsene Gesicht, bewegt kein Härchen auf seinem Kopf. Weil er keines mehr hat. Dennoch schwitzt er. Und dann diese Musik, die aus den überdimensionalen Lautsprecherboxen direkt über ihm aus den Boxen dröhnt: Quirliger Asia-Rock verquirlt mit westlichen Retro-Songs. Nur hier klingt sie so einzigartig. So schrill. So ätzend. Und doch so aufputschend und  erhebend. Seine dicken Hände mit den deutschen Wurstfingern umfassen das zierliche Bargirl von hinten, das sich mit ihrem kleinen Po eng an ihn schmiegt. Peter ist 63. Sie 45 Jahre jünger. Mindestens. Doch genau so und nicht anders will er es haben. Aus diesem Grund kommt er zweimal im Jahr aus seinem tristen und verstockten Amt in Münster nach Pattaya. Um hier, zum Teufel noch mal, richtig die Sau raus zu lassen. Und richtig heißt richtig.

An ihm vorbei schlendern jetzt die jungen Kindergladiatoren. Nur kurz wirft er einen Blick auf eines der drei Mädchen. Es ist hübsch, ein wahres Stunner, wie man hier sagt, eine »Granate«: Kurzgeschnittenes schwarzes Haar, schlank und Angelina Jolie-Lippen. Peters Griff um die Taille seines Thai-Girls verstärkt sich. Aber noch hat er alles und vor allem sich unter Kontrolle. Zwei Bier noch, vielleicht auch drei, dann ab ins Hotel und die Hosen fliegen lassen. Scheiß auf Deutschland. Scheiß auf die Moral. Roll on Fucking Tour. Roll on.

Bis auf zwei Kinder verschwinden alle zum Umziehen im hinteren Teil der Bar. Joy und Prasong steigen in den Ring. In die Kampfarena. Nur mit Boxhandschuhen geschützt – anderen Schutz für Körper-, Kopf-, Mund-, Fuß- und Schienbein gibt es nicht – und viel zu weiten kurzen Hosen. Joy hat noch ein rotes Top an. Beide tragen auf ihren schmalen Köpfen das traditionelle Mong Kon, einen Stirnreif aus Stofffäden. Es soll den Kämpfern Glück bringen und sie vor Gefahren und Verletzungen schützen. Die Götter mit ihnen. Hoffentlich.

Die zwei Jahre ältere Joy ist etwas größer als der siebenjährige Prasong. Das ist nun deutlich zu sehen, als sie nebeneinander stehen. Doch sie ist nur ein Mädchen. Das gleicht den Größenunterschied aus, meinte der Kampfrichter vorhin bei der Auswahl im Hinterhof. Die einheimischen Zuschauer wetten laut, teilweise aggressiv. Wer wird gewinnen? Mädchen oder Junge? Als die traditionelle Flötenmusik erklingt, begleitet von einer Trommel, wird es schlagartig still. Sie ist Zeichen für die Kämpfer nun mit den Bewegungsformen Whai Khru und Ram Muay zu beginnen. Dazu knien sie sich in der Ringmitte auf den Boden, verbeugen sich dreimal mit ihren mageren Oberkörpern. Zollen so Familienangehörigen, Freunden und Lehrern Respekt. Gleich darauf führen sie klassische Formtänze verschiedener Stile aus um auch noch Trainer und Gym zu ehren. Danach legen sie das Mong Kon wieder ab.

Beim Thaiboxen ist alles erlaubt: Faustschläge ins Gesicht und Fußtritte gegen den Kopf. Knie- und Ellbogenstöße gegen den Körper. Ringen und Werfen. Hauptsache gewinnen. Schädelprellungen, gebrochene Rippen, innere Verletzungen – all inclusive.

Dann geht es los: Kleines Mädchen gegen kleinen Jungen. Irgendwie auf erwachsen getrimmt. In der Kindergladiatoren-Arena einer schäbigen Bierbar. Umringt von Sextouristen, Nutten und wettgeilen Einheimischen, die alle laut grölen und wild schreien. Die Spannung steigt.

Fortsetzung folgt


[1] Alle Namen vom Autor geändert

Die neue Wochenzeitung für Deutschland, Österreich und Schweiz

http://doriangrey.net/

 

5 Gedanken zu “»Mit dem Herzen eines Tigers« – Kindergladiatoren in Pattaya (1)

  1. Haha, Teil 2 war der erste Artikel, den ich in der neuen Ausgabe gelesen habe. Alles Andere war erst mal nebensächlich, wollte unbedingt wissen, wie es weiter geht. Diese Fortsetzungsgeschichten funktionieren gut! Hoffentlich werden sie regelmäßiger Autor bei Herrn Eggerts Zeitung.

    Die Mehrheit der Artikel aus Internetquellen in doriangrey trifft zwar den Kern der Sache, konnte mich aber für sich alleine stehend nicht überzeugen, fast keine Quellen oder Beweise, nur Behauptungen, wie in der gewöhnlichen Tageszeitung. Aber ihr Artikel, vor allem auch durch die Relativierung am Schluss, war so überzeugend wie fesselnd! Weiter so!

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