Verschwörung oder Fakt?: “Magische” und “Okkultistische” Freimaurerei (3)


Im Folgenden möchte ich mich ausdrücklich NICHT mit den weltverschwörerischen Vorwürfen beschäftigen, dass Freimaurer mit dem Teufel paktieren, Schwarze Messen abhalten oder gar Menschenopfer darbringen (dies alles gehört in die krude Schubalde von völkischen oder kirchlichen Verschwörungstheoretikern), sondern mit den magischen, okkulten und esoterischen Strömungen, Personen und Weltanschauung innerhalb der Freimaurerei, die „nachweisbar“ und „belegbar“ sind.

Noch ein weiterer freimaurerischer Brauch hat seine Wurzeln in der Magie, nämlich der des Handauflegens. In der Freimaurerei bezeichnet er die Übertragung des Geistes und der Kraft auf den zu Weihenden. Ein  Segen also, den der Meister erteilt. Dieser uralte Segensritus als magische Kraftübertragung wurde schon in der Antike angewandt und auch Jesus übertrug so die Fähigkeit der Heilung auf seine Jünger. In der okkulten Medizin finden wir diesen Brauch im Magnetisieren oder Entmagnetisieren von Körperteilen.

Das Zauberwort „Abracadabra“, das aus dem Aramäischen kommt und so viel heißt wie „Nimm ab (o Krankheit) wie dieses Wort“, das sich eingraviert auf Amuletten findet und im Brauchtum der Gnostiker[1] auftritt, spielt in der Freimaurerei eine Rolle, nämlich gerade da, wo sie mit der Gnosis verquickt wurde. Insbesondere im 18. Jahrhundert sickerten christliche Mysterien in freimaurerisches Gedankengut. Mit der Gnosis wollten die Freimaurer belegen, dass die Freimaurerei von den Tempelrittern abstammte. Diese hätten sich den alten Baubrüderschaften bedient und mit ihren esoterischen Lehren neue „Körperschaften“ gebildet, um ihre gnostische Symbolik in Stein gehauen zu überliefern. Heute wollen wohl die wenigsten Freimaurer etwas davon wissen. Aber Michael Baigent und Richard Leigh brachten das Thema 1989 mit ihrem „Dauerseller“ „Der Tempel und die Loge – Das geheime Erbe der Templer in der Freimaurerei“ wieder auf den Tisch.

Hinweise auf die Gnosis gibt es im freimaurerischen Symbol des „Flammenden Sterns“, einem fünfzackigen Stern, auch Pentagramm oder Drudenfuß genannt im Strahlenkranz,  in dessen Mitte der Buchstabe „G“ prangt und für Geometrie, Gott oder eben auch der Gnosis stehen kann. Es gibt da unterschiedliche Deutungen. Beim Mentor des Neosatanismus Aleister Crowley (1875 – 1947) wird aus „Abracadabra“ die Schreibweise „AbraHadAbra“, das große magische Wort des „Neuen Äons“.

Doch noch eine andere Tradition hat Einzug in das Brauchtum der Freimaurerei gefunden, nämlich der des „Opfers“ und des „Opferns“! Schon in den heidnischen Religionen war das Opfer Bestandteil eines Gottesdienstes (ob Menschen- oder Tieropfer oder Weihegaben), mit dem man auf die Gottheit „einwirken“ wollte. Zurück zu den Freimaurern: Wird also ein öffentliches Bauwerk in Angriff genommen, wird unter bestimmten Zeremonien der Grundstein gelegt. In einer Höhlung werden normalerweise Erinnerungsgegenstände gelegt oder Öl und Wein wird über den Eckstein gegossen (wie bei den angelsächsischen Freimaurern). Denn der „vollendete“ Bau schreit nach einem Opfer, sonst kann er nicht gelingen, so die Vorstellung. So entstanden auch Sagen von Baumeistern, die sich aus Scham selbst töteten, weil sie einen Fehler am Bau entdeckten.

Der freimaurerische Autor Franz Carl Endres, 1920 in München in den Bund aufgenommen, entkleidet die Freimaurerei in seinem Buch „Die Symbole der Freimaurer“, in dem er die Freimaurerei als die „Königliche Kunst der Esoterik“ bezeichnet, die aufgrund von Symbolen erlebt wird! „…wem ein Symbol bestenfalls ein Gedankenspiel ist, der wird nie ein Esoteriker, nie also ein Meister der Königlichen Kunst werden können,“ führt er weiterhin aus.[2]

Die so genannte „Schottische Maurerei“, die Anfang des 20. Jahrhunderts betreffs einiger Grade „reformiert“ wurde, umfasst insgesamt 33 Grade. Der 30. Grad, der als „Chevalier Kadosch“, „Ritter Kadosch“ oder „Ritter vom Weißen und Schwarzen Adler“ bezeichnet wird, hat eine besondere Bedeutung. Denn er bildet die eigentliche Spitze des ritualistischen Gebäudes und bietet die „volle Einweihung“ und ist als „Abschluß des Systems“ zu betrachten. („Internationales Freimaurer Lexikon“, S. 710).

Karl-Heinz Zunneck schreibt in „Die geheimen Zeichen und Rituale der Freimaurer“ dazu: „Manche Autoren halten ihn für den berühmten Wendepunkt, an dem die Hochgrad-Freimaurerei nunmehr die Wege der schwarzen Magie betritt. Dabei betonen die Anhänger dieser Hypothese, dass durchaus nicht alle Kadosch-Ritter dieser schwarzen Magie frönen müssen, sondern dass es auch solche geben kann, die nur zum Schein in diesen Stand aufgenommen werden, ohne dass sie jemals dessen wahre Bedeutung erfahren. Mit anderen Worten: hier beginne also der aktive Kampf gegen das Christentum, der im Geheimritual…gekleidet sei.“ Diesem Grad ist auch der „Rache-Grad“ zugeordnet, angelehnt an die Templergeschichte oder Legende, wie man will. Hier soll nun eine Absage an das Christentum erfolgen, das Kreuz angespuckt und mit Füßen getreten werden. „Es heißt auch,“ so Zunneck weiter, „dass die in diesen Grad wirklich Eingeweihten das Kreuz nach diesem Ritual fortan im Stiefel bzw. Schuh tragen müssen, damit sie es beständig mit Füßen treten können.“ Vergeltung soll geübt werden, für die an den Templern angetane Ungerechtigkeiten durch die Krone und die Kirche; die „Vernichtung der templerischen Brüder“ durch sie am Vatikan zu rächen, war wohl der Gedankengang der Freimaurer im späten 18. und 19. Jahrhundert. „Wenngleich von masonischer Seite immer wieder eingewandt wird, dass das Toleranzgebot der Freimaurerei mit Racheplänen welcher Art auch immer unvereinbar sei, spricht das Ritual hier doch eine ganz andere, kaum mehr symbolisch verschlüsselte Sprache,“ resümiert der Politikwissenschaftler Andreas Gößling.[3]

Schon im 18. Grad, dem  sogenannten „Rosenkreuzer-Grad“ der „Schottischen Maurerei“ soll es antichristlich zugehen. Die Loge selbst ist bei der Einweihung in diesen Grad schwarz gehalten. Jesus soll, so Zunneck, als Verursacher des Unglücks für die Freimaurerei dargestellt werden und der Prüfling muß ihn als Verbrecher bezeichnen, der Fluch und Hinrichtung verdient hat!

Die Freimaurer weisen diese Vorwürfe natürlich weit von sich. Dennoch muß an dieser Stelle festgehalten werden, dass zumindest zwei von ihnen den Kritikern geradezu eine Vorlage hierzu gegeben haben, die nicht einfach so wegzudiskutieren sind. Einer davon ist der berühmte französische Dichter, Denker, Schriftsteller und Freimaurer Francois Marie Arouet Voltaire (1694 – 1778), der in die Pariser Loge „Les Neuf Soeurs“ aufgenommen wurde und meinte: „Wenn ihr glaubt, Gott habe euch nach seinem Bilde geschaffen, so antwortet ihm auf die gleiche Weise. Schafft euch einen Gott nach eurem Bilde, mit euren Tücken und Fehlern: mächtig, rachsüchtig, herrisch, machtbesessen und ehrgeizig. Je mehr ihr davon überzeugt seid, desto besser passt er zu euch, und es verblasst und erlischt in euch das Bild des früheren, des wahren Gottes.“ Dies könnte als okkult-satanistisches Gedankengut ausgelegt werden!

Der zweite ist Giousuè Carducci (1835 – 1907), italienischer Dichter, 1906 sogar Nobelpreisträger für Literatur und seit 1862 Mitglied der Freimaurerloge „Galvani“, Mitbegründer der Loge „Felsinea“ in Bologna (später „Propaganda Massonica“ in Rom). Er hat unter anderem die sogenannte „Inno a Satana“, die „Satanshymne“ verfasst, in der es heißt: „…Ein schönes und schreckliches Monstrum wirft die Ketten ab, läuft über die Ozeane, läuft über die Erde: Glühend und rauchend wie die Vulkane überwindet es die Berge, verschlingt die Täler…Wie ein Wirbelwind verbreitet es den Atem: Es geht vorüber, o Völker, Satan der Große…Er fährt wohltätig von Ort zu Ort auf dem ungezügelten Feuerwagen…Sei gegrüßt, o Satan, o Rebellion, o rächende Macht der Vernunft!…“ Daß mit dieser „Freimaurer-Satanshymne“ natürlich den Kritikern Tür und Tor geöffnet wird, versteht sich von selbst. So auch dem christlichen Fundamentalisten Hans Baum, der die „Kirche im Endkampf“ mit der Freimaurerei, der „Synagoge Satans“ sieht und meint, dass die Menschen, die im Dienste der Freimaurerei stehen, unmittelbar im Dienste des Satanismus stehen, auch wenn sie selbst gar keine Satanisten zu sein brauchen, allerdings wären die „Wissenden der Hochgrade“ Satanisten. Bei den Freimaurersymbolen spricht er von „satanistischen Sakramentalien“.

Dass wohl alles nicht nur der Fantasie christlicher Fundamentalisten angelastet werden kann, beweist auch die maurerische Bekleidung. Beispielsweise in Holland oder Indien gab oder gibt es auch Freimaurerschürzen in Form des Fünfecks mit einer Spitze nach unten. Und das symbolisiert in der okkulten Weltanschauung das Satanische. In den Hochgraden der „Schwedischen Lehrart“ finden wir im „IX.Grad Andreaslehrling“ einen versilberten Triangel mit Totenkopf über zwei gekreuzten Knochen, sowie auf dem Schürzenklappen einen weiteren silbernen Totenkopf mit gekreuzten Knochen. Im „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus“ beim „IX. Grad Auserwählter der Neun“ auf dem Schürzenklappen einen Arm mit einem Dolch, im Mittelfeld ein Arm, der ein blutendes Haupt hält. Beim „III., V., VII. und IX.“ Grad tragen die „Beamten“ der Loge purpurne Roben. Beim „XV. Grad Ritter vom Osten“ trägt der Maurer unter anderem ein wassergrünes Band von der rechten Schulter zur linken Hüfte mit Kronen, Schwerter, einer Brücke und Schädel und Knochen darauf. Im „XXVIII. Grad Sonnenritter“ trägt der Maurer gar einen Schurz mit einem Pentagramm im Mittelfeld und im „XXIX. Grad Großschotte des heiligen Andreas“ bekleidet man sich mit roter Robe und weißem Andreaskreuz.[4] Angesichts dieser Symbolik müssen sich die Freimaurer wohl in dieser Hinsicht auch Kritik gefallen lassen.

Wie auch immer, wir haben gesehen, in bestimmten Richtungen der Freimaurerei und Hochgradsystemen herrschen durchaus  magische und okkulte Traditionen und Praktiken, auch wenn aus  freimaurerischen Kreisen betont wird, dass die geschlossene Mehrheit der Bruderschaft diesen okkulten Gedankengängen fern stehe. Doch auf der Frage- und Antwortseite der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ bekennt der Vertreter der Logen: „Ich persönlich bezeichne das rituelle Brauchtum der FM (Freimaurerei/d.A.) in der Tat als esoterisch, weil man in dieses symbolische Gedankengebäude durch eine Einweihung eingeführt wird.“[5]

Zusammenfassend kann gesagt werden, dass es eine wie auch immer geartete Minderheit gibt, die die okkultistische Freimaurerei befürworten und praktizieren. Das ist meines Erachtens in einer aufgeklärten Zeit wie heute und den hehren Zielen, die dem Freimaurerbund scheinbar zugrunde liegen, mehr als bedenklich und nicht vereinbar.


[1] Gnosis = Geheimlehre des „Wissens, der Erkenntnis“; überwiegend im 2. und 3. Jahrhundert nach Christi verbreitet. Die Gnostiker meinten, dass eher das Wissen als der Glaube den Weg in den Himmel darstellt. Sie gaben vor besondere Kenntnisse der religiösen Mysterien zu besitzen.

[2] zitiert nach: Karl-Heinz Zunneck: „Die geheimen Zeichen und Rituale der Freimaurer“, Rottenburg 2002, S. 27, 28

[3] vgl. Andreas Gößling: „Die Freimaurer – Weltverschwörer oder Menschenfreunde?“, München 2007, S. 62, 63

[4] Eugen Lennhoff/Oskar Posner/Dieter A. Binder: „Internationales Freimaurer Lexikon“, München 2006 (5. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe), S. 116ff.

[5] vgl. „Fragen und Antworten/FAQ“ in: http://freimaurer.org/faq/links.htm(Zugriff: 14.06.08) der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“

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Verschwörung oder Fakt?: „Magische“ und „Okkultistische“ Freimaurerei (2)


Im Folgenden möchte ich mich ausdrücklich NICHT mit den weltverschwörerischen Vorwürfen beschäftigen, dass Freimaurer mit dem Teufel paktieren, Schwarze Messen abhalten oder gar Menschenopfer darbringen (dies alles gehört in die krude Schubalde von völkischen oder kirchlichen Verschwörungstheoretikern), sondern mit den magischen, okkulten und esoterischen Strömungen, Personen und Weltanschauung innerhalb der Freimaurerei, die „nachweisbar“ und „belegbar“ sind.

Ein anderer war Jean-Baptiste Willermoz (1730 – 1824), der in der Freimaurerei der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts eine führende Rolle spielte; einst Großmeister einer der drei Lyoner Logen. Er suchte in der Freimaurerei die mystische Welt des Okkulten. Zusammen mit seinem Bruder beeinflusste er alle maurerischen Zentren Lyons, besaß starke okkultistische Neigungen, veranstaltete spiritistische Seancen und entwickelte ein neues esoterisches Freimaurersystem. In ihm versuchte er intensiv traditionelles esoterisches Wissen im Rahmen einer „klassischen“ Geheimgesellschaft weiterzuvermitteln.

Und auch Dom Antoine Joseph Pernetty (1716 – 1796) spielte eine große Rolle in der okkultistischen Freimaurerei. Er gründete das hermetische freimaurerische System „Illuminés d´Avignon“, eigentlich eine alchemistisch-theosophische Geheimgesellschaft, die nichts mit dem berüchtigten „Illuminaten-Orden“ zu tun hatte und schuf innerhalb der Aristrokatenloge „Les sectateurs de la vertu“ ein weiteres neues System, den „Rite hermétique“, beziehungsweise den „Rite de Pernetty“. Zunehmend verfiel er der Mystik und kam sich als Neugeborener, Seher und Erleuchteter vor, suchte den „Stein der Weisen“ und nahm auch eifrig an den Arbeiten der Berliner okkultistischen Maurerzirkel teil.

Martines des Pasqually (? – 1774) erschuf mit seinem „Elus Coens“ ein okkultistisches Hochgradsystem, in deren Mitglieder glaubten, mit magischen Übungen („Vertus actives“) mit der Göttlichkeit in Verkehr treten zu können, um dadurch unsterblich zu werden!

Mit eine sehr gewichtige Rolle zu jener Zeit spielte natürlich auch der wohl bedeutendste Kenner und größte Okkultist des 19. Jahrhunderts, der  katholische Ex-Priester Alphonse Louis Constant, besser bekannt als „Magier“ Eliphas Levi (1810-1875). Er wird als der Begründer des „modernen“ Okkultismus in Frankreich gesehen, der nicht nur Kontakte zu den Rosenkreuzern, sondern auch zu mystisch-maurerischen Zirkeln suchte und der einen „großen Einfluss auf den Satanismus zu Ende des 19. Jahrhunderts“ ausübte (Karl R. H. Frick).

Mit Unterstützung des Freimaurerhistorikers und Hochgradmaurers Jean-Marie Ragon (1781-1862) veröffentlichte er sein Werk „Dogme de la Haute Magie“, in dem er die theoretische Kabbala und Magie darstellte. Wenig später folgte der zweite Band, in dem es um praktische Magie, ihre Rituale und Zeremonien ging. Levi wurde am 14. März 1861 in Paris in die französische Freimaurerloge „La Rose du Parfait Silence“ (gegründet am 7. Dezember 1812) eingeweiht. Ob er Hochgradmaurer war ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen. Doch sein Gedankengut beeinflusste nicht nur die „Geheimlehre“ der Theosophin Helena Blavatzky (1831– 1891), sondern auch die „Morals and Dogma“ des Ideologen des „Alten und Angenommenen Schottischen Ritus der Hochgradmaurer“. In Folge abfälliger Kritik an einem seiner Vorträge soll Levi wieder aus der Freimaurerloge ausgetreten sein, wie im „Internationalen Freimaurer Lexikon“ zu lesen ist. In  Karl R. H. Frick’s Standardwerk „Licht und Finsternis – Okkulte Geheimgesellschaften bis zur Wende des 20. Jahrhunderts“, in dem er sich ausführlich mit der Biographie Levis beschäftigt, findet sich jedoch kein Hinweis über seinen Austritt aus der Freimaurerloge und das obwohl der dem Freimaurer-Sachverhalt ein eigenes Kapitel: „Constant als Freimaurer“ (S. 400ff.) gewidmet hat.

Selbst Freimaurer-„Vorzeige“-Bruder Johann Wolfgang von Goethe soll darin verwickelt gewesen sein: „Goethes Faust hat das ganze Spektrum der herkömmlichen Wissenschaften studiert…Jedoch ist er am Ende seiner Weisheit angelangt und empfindet Auswegslosigkeit. Er weiß immer noch nicht ‚was die Welt  im Innersten zusammenhält’. Deshalb ist er bereit, die konventionellen Wege der Wissenschaft zu verlassen und sich der Magie hinzugeben.“[1]

Als „Verteidigung“ beziehungsweise Erklärung dieser „magisch-okkultistischen“ Freimaurerei erklärt der Großmeister der „Großloge von Österreich“: „Die hier von Ihnen zitierten okkultistischen/esoterischen Umstände aus der Geschichte haben für die heutige Freimaurerei überhaupt keine Bedeutung und es muss in diesem Zusammenhang auch noch einmal grundsätzlich darauf hingewiesen werden, dass sich viele Verirrungen und Entwicklungen in der Vergangenheit des freimaurerischen Etiketts bedient haben, ohne dort wirklich dazuzugehören. Wie bereits erwähnt, der Begriff Freimaurerei ist nicht geschützt und kann von jedem gebraucht respektive missbraucht werden. Richtig ist sicherlich, dass es in der Vergangenheit immer wieder Entwicklungen auch innerhalb der Freimaurerei gegeben hat, die in dieses mystische, okkultistische oder wenn Sie wollen auch schwärmerische abgeglitten sind, das hat aber aus heutiger Sicht überhaupt keine Bedeutung für die Wesenselemente der Freimaurerei, die dafür maßgeblich sind, dass die Organisation als solches in ihren Grundstrukturen gute 300 Jahre überlebt hat.“[2]

Doch wie bereits aufgezeigt und noch zu zeigen sein wird, haben diese „Entwicklungen“ durchaus noch eine Bedeutung für verschiedene „Wesenselemente“ der Freimaurerei.

In der Hiramslegende hat der Meistergrad der Johannismaurerei ebenfalls esoterische Bezugspunkte.[3] Der Freimaurer Alfried Lehner meint noch 1997 in seinem in der 4. Auflage erschienenen Buch „Die Esoterik der Freimaurer“: „Diese esoterische Tradition stellt die unmittelbare Verbindung her zu einem Brauchtum, das aus vielen Quellen in die Freimaurerei eingeflossen ist und das den Freimaurerbund von anderen Vereinigungen mit ähnlichen ethischen Zielen grundlegend unterscheidet. Es besteht in der Pflege altehrwürdiger Rituale, in welchen mit Hilfe von Symbolen Bereiche der menschlichen Seele angesprochen werden, an die Worte nicht mehr heranreichen.“[4]

Das Symbol soll auch Abstraktes in Gegenständliches überführen und auch verhüllen, denn nur ein eingeweihter Kreis weiß von dessen Bedeutung und Nichteingeweihten bleibt die Bedeutung verschlossen. Die Symbole der Freimaurerei gliedern sich in Worte, Bilder und Handlungen.

„Vom rechten Weg abgeirrte Freimaurer jener Tage haben nachzuholen versucht, was ihnen der Volksglaube schon lange zuschrieb,“ steht im „Internationalen Freimaurer Lexikon“ (S. 538) dazu zu lesen. „Noch heutigentags lässt ja der Aberglaube die Freimaurer einen Teufelspakt unterzeichnen, schreibt ihm außergewöhnliche Fähigkeiten, wie die der Verwandlungsfähigkeit, unermesslicher Reichtümer, die Fähigkeiten des Ferntötens u.a. zu…Es ist jedenfalls eine eigenartige Erscheinung, dass, während in Frankreich die Menschenrechte proklamiert wurden, Menschen der gleichen Bildungs- und Gesellschaftsschichten zu Magie und Höllenzwang ihre Zuflucht nahmen.“

Dennoch propagieren auch in jüngster Zeit Freimaurer den universellen Leitsatz der Magie: „Wie oben, so unten, also wie im Himmel so auf Erden“ (oder: „Wie im Kleinen, so im Großen“). Dazu meint der Freimaurer Alfried Lehner: „Die Umwandlung der operativen Bauhütten in symbolisch, nämlich am ‚Tempel der Humanität’ arbeitende Logen wurde durch ein Brauchtum gefördert, welches das analoge Denken anregte: der Tempel als Abbild des Kosmos ebenso wie das Abbild des menschlichen Körpers. ‚Wie Makrokosmos, so Mikrokosmos’, heißt eine alte esoterische Weisheit.“[5]

Das „Große Geheimnis“ der okkult-magischen Tradition ist, wie ich bereits ausgeführt habe, die „Göttlichkeit des Menschen“. Das „große Werk“ in der (weißen) Magie ist also, selbst Gott zu werden. Denn der „vollkommene“ Mensch kennt nicht nur alle Dinge, sondern beherrscht sie auch. In der Schwarzen Magie will der Mensch nicht nur „Satanas“ erschaffen, sondern selbst zum „Satanas“ werden, sich damit zum Herrn über Leben und Tod aufschwingen, die absolute Macht über das Universum zu erringen. Um jedoch die „Gott- oder Satansgleichheit“ zu erreichen müssen die verschiedensten Gegensätze miteinander verbunden, vereint, versöhnt werden. Diese Harmonie, dieses vollkommene Gleichgewicht zwischen den Gegensätzen, wird „Equilibrium“ genannt.

In seinem Buch „The Meaning of Masonry (Die Bedeutung der Freimaurerei)“ erklärt  W.L.Wilmhurst eindeutig: „Dies – die Entwicklung des Menschen zum Übermenschen – war immer der Zweck der uralten Mysterien. Der Mensch, der sich durch die unteren Bereiche der Natur zu seinem gegenwärtigen rationalen Dasein entwickelt hat, muß seine Evolution noch vollenden, indem er ein gottähnliches Wesen wird und sein Bewusstsein mit dem Allwissenden verbindet…“[6] Meint die Freimaurerei also damit, dass Menschen von einem „unbehauenen“ Stein zu einem „behauenen“ werden sollen, die „Selbstvergöttlichung“? Damit würden sie sich mit den Zielen des Neosatanismus treffen.

Liehner wird auch dazu deutlicher und bringt das „Große Geheimnis“, die „Göttlichkeit des Menschen“ in einen freimaurerisch-okkulten Bezug: „Das feierliche Zusammenfügen der beiden Symbole (Winkelmaß und Zirkel/d. Autor) bedeutet also letztlich die Vereinigung der Urpolarität, des Urpaares Oben und Unten, Himmel und Erde, des männlichen und weiblichen Prinzips, oder von Geist und Materie…In jeder rituellen Arbeit der Freimaurer wird diese Urzeugung wiederholt. Der ‚Hieros gamos’ findet statt, die heilige Hochzeit. Die freimaurerischen Tempelarbeiten begehen das, was Mysterien und Riten seit ältesten Zeiten begingen: sie wiederholen den Schöpfungsakt. Hierin liegt ihre tiefste und ergreifendste Bedeutung. Wer diesen Zusammenhängen zu folgen bereit ist, versteht auch, dass derjenige, der solcher Empfindungen fähig ist, das feierliche Zusammenfügen von Winkelmaß und Zirkel sogar als Unio mystica, als mystische Vereinigung der Seele mit Gott erleben kann, wie es die Mystiker verstanden.“[7]

Diese Worte des Zusammenfügens der freimaurerischen Symbole von Winkelmaß und Zirkels – die Magie der Werkzeuge reicht bis in die Steinzeit zurück – erinnern jedoch auch an einen weiteren „magischen Zweig“, der okkulten Sexualmagie, in der durch rituelle Vereinigung, die Aufhebung des Widerspruchs zwischen Mann und Frau angestrebt wird. Die entgegengesetzten weiblichen und männlichen Pole verschmelzen in der mystischen Verwandlung zu „Einem“ und heben so den Zustand des Widerspruchs in sich selbst auf. Die „Unio Mystica“, von der Liehner spricht, dieser mystischen Vereinigung mit Gott und dem All, findet sich nicht in der Johannismaurerei, dafür aber symbolisch in den Hochgradsystemen! Unter anderem in der „Agape“, dem sogenannten „Liebesmahl“, das in den Rosenkreuzergraden der Freimaurerei, vor allem im „A. und A. Schottischen Ritus“ erhalten geblieben ist.

Aber Liehner wird in seinen Ausführungen noch deutlicher: „Harmonisierung der Verhältnisse der Gegenpole sehen die Freimaurer als eine ihrer Aufgaben an…Man könnte als nächstes Ziel die Harmonisierung von Körper und Geist sowie von Ratio und Gemüt sehen, also die Voraussetzungen für einen ausgeglichenen, einen ganzheitlichen Menschen. Ein Weg dorthin ist die Harmonisierung der Gegenpole Esoterik und Exoterik…“[8]

Harmonie, Bundesschließung und Verbrüderung, das finden wir auch im Brauch der „Blutmischung“ einzelner freimaurerischen Systeme, wie beispielsweise dem Schwedischen. Diese „Blutmischung“ wird  nur symbolisch als Zeremonie vollzogen. Dennoch wird sie „da und dort in bestimmten Lehrarten der Freimaurerei noch gepflegt,“ gibt ein Logenbruder der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“ zu. „Es handelt sich hierbei um eine symbolische Handlung, also keine tatsächliche Blutmischung, die bei der Aufnahme in den Bund vollzogen wird. Der Gedanke ist natürlich das Herstellen der Bruderschaft.“[9] Auch das „Internationale Freimaurer Lexikon“ geht nicht näher darauf ein. Dafür aber „Freimaurer-Bruder“ Merzdorff, der vom speziellen Ritus des „Bluttrankes“ spricht, diesen anprangert und bereits in der „Bauhütte“ von 1879 dazu schrieb: „Dieser Bluttrank, kein Weintrank, existiert wirklich. Das dem geritzten Daumen entströmende Blut (des Neophyten) wird in einen Becher mit Wein getröpfelt und dann von allen Umstehenden getrunken. Der etwa verbleibende Rest wird in einer Phiole aufbewahrt zum nächsten Gebrauch, so dass auf diese Weise das Blut aller früheren Templer sich mischt…In unseren Augen ist der Bluttrank ein kannibalistischer Akt, da er nur noch von den rohesten Völkern ausgeführt wird.“[10]

Sollte dies zutreffen, dann würde wohl mit diesem Ritus neben dem Brauch, eine Gemeinschaft zu bilden, auch dem magischen Gedanken gehuldigt, dass das Blut als Träger der Lebenskraft, der Seele schlechthin gilt. Wer Blut eines anderen Menschen trinkt, nimmt auch gleichzeitig die geistige und natürliche Kraft des anderen auf.


[1] vgl. „Magische Maurerei“ in: „internetloge, das Informationsportal zum Thema Freimaurerei“ verantwortlich: Franz-L. Bruhns, Altstuhlmeister der Freimauerloge „Am Rauhen Stein“ in Hamburg (http.//www.internetloge.de/etkt/magmau.htm/Zugriff: 20.07.07)

[2] vgl. E-Mail v. 04.07.07 von Dr. Michael Kraus (Großmeister der „Großloge von Österreich“) an den Autor/Archiv Grandt

[3] vgl. Dieter A. Binder: „Die Freimaurer – Ursprung, Rituale und Ziele einer diskreten Gesellschaft“, Freiburg i. Br. 1998, S. 23

[4] vgl. Alfried Lehner: „Die Esoterik der Freimaurer“, Gerabronn und Crailsheim 1997 (4. Auflage), S. 19, 20

[5] vgl. Alfried Lehner: „Die Esoterik der Freimaurer“, Gerabronn und Crailsheim 1997 (4. Auflage), S.20

[6] zitiert nach: A.Ralph Epperson: „Die unsichtbare Hand – Einfluß geheimer Mächte auf die Weltpolitik“, Rottenburg 2006, S. 355, 356

[7] vgl. Alfried Lehner: „Die Esoterik der Freimaurer“, Gerabronn und Crailsheim 1997 (4. Auflage), S.42

[8] vgl. Alfried Lehner: „Die Esoterik der Freimaurer“, Gerabronn und Crailsheim 1997 (4. Auflage), S. 43, 44

[9] vgl. „Fragen und Antworten/FAQ“ in: http://freimaurer.org/faq/links.htm(Zugriff: 14.06.08) der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“

[10] zitiert nach: Karl-Heinz Zunneck: „Die geheimen Zeichen und Rituale der Freimaurer“, Rottenburg 2002, S. 164, 165

Verschwörung oder Fakt?: „Magische“ und „Okkultistische“ Freimaurerei (1)


Im Folgenden möchte ich mich ausdrücklich NICHT mit den weltverschwörerischen Vorwürfen beschäftigen, dass Freimaurer mit dem Teufel paktieren, Schwarze Messen abhalten oder gar Menschenopfer darbringen (dies alles gehört in die krude Schubalde von völkischen oder kirchlichen Verschwörungstheoretikern), sondern mit den magischen, okkulten und esoterischen Strömungen, Personen und Weltanschauung innerhalb der Freimaurerei, die „nachweisbar“ und „belegbar“ sind.

„Schau in dich. Schau um dich. Schau über dich!“ Das sind die drei Leitsätze der Freimaurerei für die Arbeit am rauhen Stein, die den Lehrling, den Gesellen und den Meister betreffen.

Im 18. Jahrhundert erlebte vor allem in Frankreich Magie und Okkultismus eine Renaissance. Auch „edle“ und gebildete Menschen frönten und huldigten ihm schon fast wahnhaft. Freimaurer ließen sich ebenfalls zur Esoterik hinreißen und beschäftigten sich ernsthaft mit Magie. Sie sahen dabei die freimaurerischen Lehrbilder nicht mehr im Sinn des Humanitätsideals, des Baus des Menschheitstempels, obwohl sie mit ihren Logen eigentlich „Horte der Aufklärung“ sein wollten.

„Im 18. Jahrhundert war die Freimaurerei in Frankreich und Deutschland Einflüssen der Magie ebenso wie solchen der Alchemie, der Kabbala und der Mystik ausgesetzt,“ gestehen die Freimaurer selbst. „Ihre Symbolik…wurde von manchen Systemen mit Magie förmlich durchtränkt.“[1]

Verschiedene Strömungen, wie beispielsweise die Gold- und Rosenkreuzer, die sich durchwegs auf freimaurerische Kreise stützten, verbanden ihre eigene Anschauungen und Ideen mit freimaurerischen Ritualen, in dem sie die äußere Form der Freimaurerei für sich selbst annahmen, gaben sich als Freimaurer aus, umgekehrt genauso, beriefen sich auf Andersons Konstitutionen und deuteten an, die Freimaurerei sei „Trägerin geheimer Kenntnisse des Wissens um letzte Dinge, die ihr von Weisen des Altertums, so Pythagoras und Zoroaster, überkommen seien.“ Von der Rosenkreuzerei ging also eine freimaurerische Magie aus, ein magischer Katechismus, in dem auch Totenbeschwörung eine Rolle spielte und in der Okkultisten den freimaurerischen Symbolen eigene Deutungen gaben. So wurde König Salomo zu einem großen jüdischen Magier, dessen Kräfte man auch dem Großmeister zuschrieb. In manchen Logen wurde gar nach dem Stein der Weisen gesucht.  Diese phantastischen Auslegungen kamen insbesondere in den Hochgradsystemen zur Geltung. Der französischen Version des „Royal Arch“ nach, einem wichtigen Grad in den angelsächsischen Ländern, der zuerst als höhere Abteilung und Vervollkommnungsstufe des Meistergrades eingeführt worden war, sollten sich auf dem Grundstein des Salomonischen Tempels geheime Zeichen befinden, die dem Eingeweihten offenbar die Gabe verliehen Gold zu machen! Insbesondere in den „schottischen Graden“ waren viele hermetische Symbole zu finden. So beeinflussten nicht nur Astrologen und Kabbalisten, Theosophen und Visionäre, sondern auch Alchimisten und Magnetiseure zahlreiche Riten der Freimaurer. In einigen Logen fanden auch spiritistische Sitzungen statt, wurden Propheten „gesichtet“ oder gar der Stein der Weisen im eigenen Urin gesucht! Auch in Deutschland griff dieser okkulte und spiritistische Spuk in seiner wüstesten Form unter den Freimaurern um sich:  scheinbar wurde Gold gebraut und einzelne Personen verstanden es meisterhaft einen „wahren Hexensabbat um sich zu entfesseln“. Andere wiederum versumpften in zutiefst mittelalterlicher Mystik, bekannten sich fanatisch zur Rosenkreuzerei und hielten die „Lehre von der Gemeinschaft mit den Geistern“ für das einzige wahre Wissen.

„Aber nicht nur in Frankreich, sondern auch in den anderen Ländern fanden sich zahlreiche Jünger solcher freimaurerischen Verirrungen, die sich in alle Systeme einzunisten trachteten, so dass sich innerhalb der Freimaurerei eine Art okkultistische Internationale bildete.“ („Internationales Freimaurer Lexikon“, S. 623) Doch während es noch an einer Stelle heißt, dass mit der Jahrhundertwende dann „im allgemeinen der Spuk zu Ende“ war, heißt es an anderer: „Auch in der Zwischenkriegszeit waren okkulte Bestrebungen in der Gesellschaft und damit auch in einzelnen Freimaurergruppen deutlich erkennbar.“ („Internationales Freimaurer Lexikon“, S. 622)

Die „Hinneigung zur esoterischen Seite der Freimaurerei“ war also doch nicht vorbei und auch heute scheinen sich „mancherorts in kleinen Zirkeln“ Brüder im Geiste an die okkultistische Freimaurerei und die damit verbundene Symbolik anzulehnen. Hier herrscht die Ansicht, dass Freimaurerei „erlebt“ werden muss, das Zeremoniell das Abbild einer „tieferen Wirklichkeit“ sei, an der jeder Eingeweihte teilhaben kann, „Bildung an sich ein Ballast“ wäre, der „nicht zur wahren Erkenntnis“ führe und die „lebende Tradition“ die „Kollektivität der in der Vergangenheit Initiierten“ sei und die freimaurerischen Werkzeuge (wie beispielsweise Meißel, Hammer, Zirkel, Brecheisen, Winkelmaß, Kelle, Wasserwaage, Senkblei, Akazienzweig) würden dem Eingeweihten helfen, sich den „wahren Sinn“ der Freimaurerei zu erarbeiten. Selbst der Totenschädel wird okkultistisch gedeutet und der „Akt der Einweihung gibt im erhöhten Maß Anlaß zu okkulten Deutungen“ („Internationales Freimauer Lexikon“, S. 624). So symbolisiert (nach Oswald Wirth) beispielsweise der Meißel die „unerschütterliche Energie“, das Brecheisen die „unwiderstehliche Macht“, den „Willen“, der Zirkel die „Vernunft“, die Setzwaage die „Gleichheit“ aller, das Winkelmaß die „Soziablität“.

Schon alleine das „magische“ oder „religiösverbrämte“ Brimborium einer Loge, ohne näher darauf einzugehen, denn das würde den Rahmen dieses Buches sprengen, gibt aufgeklärten Menschen doch zu denken, denn hier finden neben Altar beispielsweise auch Totenschädel, Logenschwert und Dolch, sowie das Pentagramm (als „Flammender Stern“) seinen Platz. Dieser flammende Stern symbolisiert die „eigentliche Einweihung, die Illumination, also die Erleuchtung“, die Erweckung des „sozialen Bewusstseins, sowie den „erwachenden und reifenden Geist“ und deutet dem „Suchenden“ den Weg zum Licht, zum Lebenssinn.

Neben dem Pentagramm sind in einer Loge auch noch das „Mosaische Pflaster“ zu finden, eine Nachbildung des Pflasters, das sich im biblischen Salomonischen Tempel befunden haben soll, zwei Säulen („Jachin“ und „Boas“), sowie der „Thron“ des Meisters. Und auch ein Sarg darf nicht fehlen, als Symbolstück im Wiedergeburtskult des freimaurerischen Rituals, mit dem Kopfende zur Tür, also gen Westen zeigend (beim Meisterritual). Das alles wird noch angereichert durch fast lächerlich[2] wirkende Namen des „Bruder Erster Aufseher“, der auch „Schrecklicher Bruder“ genannt wird (beispielsweise bei der Aufnahme eines Neulings), oder der „Kammer der verlorenen Schritte“ (in der mitunter Leuchter und Totenschädel stehen). Hier wird der Neuling auch mit einem Skelett konfrontiert, das ihn dazu bewegen soll über die Nichtigkeit irdischer Dinge und die Vergänglichkeit des Seins nachzudenken! Zu Beginn der Aufnahme in den 4. Grad mancher Johannis-Logen wird der „vollkommene Meister“ mit einem Strick um den Hals in die Loge geführt. Beim „Meisterritual“ wird auch das Mysterienspiel des „Sohns der Verwesung“ gespielt: der Meister vom Stuhl stellt „König Salomo“ dar, Zeremonienmeister, Aufseher und drei „Mörder“ sind ebenfalls anwesend. Der Meisteranwärter spielt also den Maurer-Messias Hiram, der ermordet wird. Der Erste schlägt ihm mit einer Messlatte „quer über die Gurgel“, der Zweite schlägt ihm den Winkel auf die linke Brustseite und der Dritte schwingt den Spitzhammer und zertrümmert ihm den Kopf. Alles nur symbolisch natürlich. Der so gemeuchelte Meisteranwärter liegt nun „tot“ auf dem Boden, das rechte Bein angewinkelt, zugedeckt mit einem Tuch, das einen Grabhügel darstellen soll, darauf gelegt ein Akazienzweig. Nun wird versucht den „Toten“ wiederzuerwecken, mit Lehrlingswort („Jachin“), mit der Formel aus der Hiramslegende („Die Haut löst sich vom Fleische“) und dem Gesellenwort („Boas“). Doch das misslingt, so dass das „Notzeichen der Meister“ alle übrigen Logenbrüder herbeiruft („Zu Hilfe, Ihr Söhne der Witwe!“), die nun um den „Toten“ herumstehen, das „Zeichen des Schreckens“ vollführen und laut „Mach-benak“ oder „Moabon“ rufen. Dieses neue Meisterwort, das soviel wie „Sohn der Verwesung“ oder „Sohn der Witwe“ heißt, erweckt den „Toten“ mit einem bizarren Ritual wieder zum Leben. „Der Meister ‚erhebt’ den Erwachenden, steht Brust an Brust mit ihm, Fuß an Fuß, Knie an Knie, Hand in Hand, die linke Hand um den Nacken des Erweckten geschlungen. So flüstert er ihm das magische Meisterwort ins Ohr: ‚Moabon’“ (Gößling). Mit „jubelnder Musik“ schließlich wird der neugeweihte Meister zum Meistertisch geleitet.

Der „bedeutendste Vertreter der ‚modernen’ mystischen Maurerei“ (Karl R. H. Frick) war beispielsweise Oswald Wirth (1860 – 1943), Mitglied der Loge „Travail et Vrais Amis fidèles“ („Grande Loge de France“) und des „Obersten Rates des A. u. A. Schottischen Ritus“, Herausgeber einer Freimaurer-Zeitschrift und verschiedener Bücher. Er wird jedoch durch seine Logenbrüder keinesfalls kritisiert, sondern als „besonders verdient“ durch seine Freimaurer-Werke betrachtet, die sich unter anderem mit alter Alchemie und dem Symbolismus der hermetischen Maurerei beschäftigte. Für ihn war die moderne Freimaurerei die Fortentwicklung der hermetischen Philosophie.


[1] vgl. „Magische Maurerei“ in: „internetloge, das Informationsportal zum Thema Freimaurerei“ verantwortlich: Franz-L. Bruhns, Altstuhlmeister der Freimauerloge „Am Rauhen Stein“ in Hamburg (http.//www.internetloge.de/etkt/magmau.htm/Zugriff: 20.07.07)

[2] selbst Vertreter der Freimaurerei geben zu, dass Uneingeweihte die Schilderung des Ablaufs Ritualen und ihre Symbole als „komisch“ empfinden könnten/vgl. „Fragen und Antworten/FAQ“ in: http://freimaurer.org/faq/links.htm(Zugriff: 14.06.08) der „Vereinigten Großlogen von Deutschland“

Tabuthema: “Zwangsverheiratung in Deutschland” (3)


Es ist ein Tabuthema in Deutschland: Zwangsverheiratung von Migrantinnen und solchen Mädchen und Frauen, die einen Migrantenhintergrund haben.

Erstmals führte jetzte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie durch: “Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen”.

Nachfolgend möchte ich die Kurzfassung dieser Studie wiedergeben (mit Ausnahme der zahlreichen Fußnoten, die bei der Originalquelle (siehe Ende des Artikels) nachgelesen werden können):

3.5 Sozialer Kontext der Herkunftsfamilien

3.5.1 Herkunft, Bildung und Einkommen der Eltern

Das häufigste

Herkunftsland der Eltern ist mit einem Anteil von 44 % die Türkei; aus den drei nachfolgenden wichtigsten Ländern Serbien (inkl. Kosovo und Montenegro), Irak und Afghanistan stammen jeweils 6 bis 9 % der Eltern.Die Väter haben mehrheitlich ein höheres Berufsbildungsniveau als die Mütter der Betroffenen (beruflicher Bildungsabschluss – Väter = 52 %, Mütter = 13 %). Gut die Hälfte der Elternhaushalte der Betroffe-nen (52 %) bestreitet ihren Lebensunterhalt ausschließlich durch Einnahmen aus Erwerbstätigkeit. Ein Drittel der Haushalte (33 %) lebt ausschließlich von Transferleistungen und Renten und gut 14 % leben sowohl von Erwerbseinnahmen als auch von Transferleistun-gen. Da es sich um die Elterngeneration handelt, dürften Altersren-ten hier einen erheblichen Anteil stellen.

3.5.2 Religionszugehörigkeit

Mit dem Beirat, der diese Studie begleitete, gab es bereits in der Vorbereitung der Erhebungen eine kontroverse Diskussion über die Erhebung des Merkmals Religion: Die Religionszugehörigkeit wurde überwiegend als „leere Variable“ bezeichnet, die sich ohne Vergleichszahlen und ohne zusätzliches Wissen über die tatsächlich praktizierte Religiosität nicht interpretieren lasse. Daher erfolgte die Verständigung mit dem Beirat dahin gehend, dass eine Erhe-bung hier lediglich zu deskriptiven Zwecken erfolgen sollte.Zur Religionszugehörigkeit der Eltern wurden in knapp 60 % der dokumentierten Fälle Angaben gemacht. Insgesamt genannt wur-den die Religionen Islam, Jesidentum, Christentum, Hinduismus sowie „keine Religionszugehörigkeit“. Dabei entfielen 83 % auf den Islam. Die zweithäufigste Gruppe stellt das Jesidentum mit einem Anteil von 9,5 % dar. Dem Christentum gehören 3 % und dem Hin-duismus 1 % der Eltern an und für 2,5 % wurde „keine Religionszu-gehörigkeit“ angegeben.

Zum besseren Verständnis der vorliegenden Daten sei die Art der Abfrage noch einmal erläutert. Die Frage nach der Religionszu-gehörigkeit war als offene Frage gestellt, Vorgaben in Hinblick auf einzelne Religionsgemeinschaften wurden nicht gegeben.Bekanntlich ist die Zahl der Angehörigen einer Religionsgemein-schaft, die keine Körperschaft des öffentlichen Rechts darstellt, schwierig zu bestimmen. Für dieses Merkmal liegen keine amtlichen Statistiken vor; dies gilt auch für Muslime: So wird beispielsweise in der Türkei jede Person als muslimisch gezählt, die sich nicht expli-zit als einer anderen Religion zugehörig bekennt. In Deutschland erfolgt die statistische Zuordnung über das Herkunftsland – die geschätzte Größenordnung von hierzulande etwa 4 Mio. musli-mischen Menschen beruht auf der Anzahl der Migrantinnen und Mi granten, die aus Ländern mit überwiegend islamischer Bevölke-rung stammen.

Erhebungsbedingt lässt sich den vorliegenden Daten nicht entneh-men, aufgrund welcher Kriterien Personen als einer Religion zuge-hörig eingestuft wurden. Sowohl die Beraterinnen und Berater als auch die von ihnen befragten Personen – nämlich die Beratenen – verfügen über je eigene „Formen der Anschauung“, die im Rahmen dieser Untersuchung nicht explizit gemacht werden konnten. Grund-sätzlich muss davon ausgegangen werden, dass das Wissen über Merkmale wie Herkunft, Religionszugehörigkeit, Religiosität u. a. – und folglich das Zuordnungsverhalten – auch davon beeinflusst ist, wie in der öffentlichen Debatte auf bestimmte Communitys geblickt wird. So weisen Chantler, Gangola und Hester in ihrer Untersuchung darauf hin, dass in Großbritannien vor allem indische, bengalische und pakistanische Communitys im Fokus stehen. Dementsprechend höher – auch seitens der befragten Organisationen – war deren Berücksichtigung, obschon Zwangsverheiratungen in einer Reihe weiterer Ethnien, Religionen und Communitys zu finden seien.

Dieser Effekt dürfte auch bei der vorliegenden Untersuchung eine Rolle gespielt haben.Darüber hinaus sollte berücksichtigt werden, dass die Äußerungen der – meist jungen von Zwangsverheiratungen bedrohten und betroffenen – Personen über ihre Eltern nicht unabhängig von der besonderen Konfliktlage zu sehen sind, in der sie sich befinden. Eine solche Konfliktlage könnte zu einem starken Distanzierungsbe-dürfnis führen und auf diese Weise die geäußerten Einschätzungen beeinflussen.Mit der gewählten Methode und anhand der Datenlage konnte und sollte also nicht überprüft werden, ob und welche Zusammenhänge die Religionszugehörigkeit/Religiosität mit Zwangsverheiratung hat. Um den Einfluss von Faktoren wie Bildung, Herkunft, Religio-sität etc. auf die Praxis der Zwangsverheiratung zu untersuchen, wäre weitere Forschung notwendig.

3.6 Rolle von Gewalt im Familienkontext

Grundsätzlich bestätigen die hier erhobenen Befunde die Aussage einer starken Betroffenheit von familiärer Gewalt: Zwei Drittel, also 67 % der von Zwangsverheiratungen bedrohten und betroffenen Personen, gaben explizit an, schon in ihrer Erziehung Gewalt-anwendung ausgesetzt gewesen zu sein. Die Ausübung von Gewalt erfolgt gegenüber Frauen wie Männern in ähnlicher Weise: An ers-ter Stelle steht psychische, gefolgt von körperlicher Gewalt; sexuelle Gewalt kommt in einer Größenordnung von 7 % vor.In Hinblick auf die Durchsetzung der Zwangsverheiratung wurden am häufigsten psychische Gewaltarten genannt: Jeweils über 70 % waren von Beschimpfungen, Erniedrigungen oder von Erpressun-gen und Drohungen betroffen.Mehr als die Hälfte der Beratenen berichtete in diesem Zusam-menhang – häufig neben anderen Nennungen – von körperlichen Angriffen. 27 % der Ratsuchenden wurden mit Waffen und/oder mit Mord bedroht, 11 % sagten explizit aus, sexueller Gewalt/Belästigung zur Durchsetzung der Verheiratung unterworfen gewesen zu sein.Auch wenn die Gruppe der männlichen von Zwangsverheiratung bedrohten und betroffenen Personen, die hier erfasst wurden, ver-hältnismäßig klein ist, lässt sich auch hier die Tendenz ablesen, dass keine relevanten Unterschiede zur Gruppe der weiblichen Betroffe-nen/Bedrohten bestehen.Die Androhung oder Durchsetzung einer Zwangsverheiratung erfolgt typisch im familialen Kontext. Die vorliegenden Daten zei-gen, dass der Vater von den Bedrohten bzw. Betroffenen mit 80 % am häufigsten als entscheidender Akteur benannt worden ist, gefolgt von den Müttern mit 62 %. Der erweiterte Familienkreis wurde von 38 % genannt, während die Familie des Ehepartners und die Geschwister eine deutlich geringere Rolle spielten.Hier sei auch noch einmal auf die Befunde über weitere Personen verwiesen, die im Kontext der (angedrohten) Zwangsverheiratungs-fälle von Gewalt betroffen waren: In 25 % der Fälle wurde explizit angegeben, dass andere Familienangehörige ebenfalls zwangsver-

heiratet worden sind. Bei weiteren 35 % der Fälle wurde darauf hin-gewiesen, dass im konkreten Fall noch weitere Personen – Familien-angehörige ebenso wie Dritte – bedroht worden sind.

3.7 Status und Art der Zwangsverheiratungen

71 % der Betroffenen sahen sich zum Zeitpunkt der Erhebung einer angedrohten Zwangsverheiratung ausgesetzt, 29 % waren bereits gegen ihren Willen verheiratet worden. Der Status Drohung/Voll-zug hängt insgesamt auch eng mit dem Lebensalter zusammen. Je älter die Personen, desto häufiger waren sie bereits gegen ihren Willen verheiratet. Diese Tendenz gilt auch für diejenigen, die im Ausland geboren waren, die seit weniger als 5 Jahren in Deutsch-land lebten oder nicht die deutsche Staatsangehörigkeit hatten.Insgesamt 68 % der geplanten oder vollzogenen Eheschließungen sind bzw. sollten in einer staatlich anerkannten Form geschlossen werden, hingegen war in 32 % der Fälle ausschließlich eine soziale/religiöse Zeremonie geplant bzw. durchgeführt worden. Immerhin fast ein Drittel der (geplanten) Eheschließungen ist also nicht rechts-verbindlich, sondern das Eheversprechen wird vor Familienange-hörigen, dem sozialen Umfeld und/oder einer Autorität wie etwa einem Imam abgegeben. Die Ehen werden gleichwohl als geschlos-sen angesehen und die Personen gelten als verheiratet. Auch hier zeichnet sich ein deutlicher Zusammenhang mit dem Lebensalter der bedrohten bzw. betroffenen Personen ab: Die ausschließlich religiösen/sozialen Eheschließungen sind in ganz überwiegendem Maße für die unter 18-Jährigen relevant (53 % der [angedrohten] Ehe-schließungen), während bei den über 28-Jährigen nur 13 % der Ehen ohne rechtliche Anerkennung geschlossen wurden bzw. geschlos-sen werden sollten.

3.8 Auslandsbezug

Die Mehrheit von Zwangsverheiratungen (52 %) findet im

Ausland statt oder ist dort geplant, 28 % der Ehen sollten in Deutschland geschlossen werden. Dabei gilt: Sowohl im Ausland wie in Deutsch-land Geborene werden weit mehrheitlich im Ausland verheiratet. Sind die Betroffenen im Ausland geboren, ist zu 59 % auch das Ausland Ort der Zwangsverheiratung, für in Deutschland Geborene beträgt der Anteil 49 %. Die vorgesehenen Ehegatten leben mit rd. 64 % eben-falls im Ausland.Zwangsverheiratungen gehen vielfach mit einem unfreiwilligen Umzug ins Ausland einher. Auch wenn man in Rechnung stellt, dass nur für gut die Hälfte der Beratenen (abs. 440) Angaben über diesen Zusammenhang vorliegen: Mit rd. 34 % der Beratungsfälle ist der Anteil eines bevorstehenden dauerhaften Umzugs ins Ausland beträchtlich, zumal wenn man berücksichtigt, dass in rd. 7 % der Fälle die Verbringung zum Zeitpunkt der Erhebung bereits vollzo-gen war. Das gilt insbesondere für den Status der Androhung einer Zwangsverheiratung – hier befürchten 44 %, zu einem dauerhaften Umzug ins Ausland gezwungen zu werden.Die Androhung, im Ausland leben zu müssen, hat eine nicht zu unterschätzende Bedeutung. Möglicherweise führt sie auch dazu, dass Bedrohte/Betroffene vor dem Hintergrund eines erzwungenen Auslandsaufenthaltes und damit auch des Verlustes des gesamten sozialen Umfeldes eher Beratung aufsuchen.Dabei ist die Betroffenheit von einem erzwungenen Umzug in das Ausland deutlich größer, wenn die Ehe im Ausland geschlossen wird.

3.9 Ausbildungsabbrüche

Von erheblicher Relevanz ist die Frage, ob es als Folge einer Zwangs-verheiratung zu einem

Schul- oder Ausbildungsabbruch kommt.Die Betroffenen, die zu Beratungsbeginn bereits zwangsverheira-tet waren, gaben zu 68 % an, von einem Schul- oder Ausbildungs-abbruch betroffen zu sein, demgegenüber lag der entsprechende Wert für die noch nicht Verheirateten nur bei gut 14 %. Dass ein möglicher Ausbildungsabbruch aber auch hier von Relevanz ist, zeigt der folgende Befund: Die Personen, die zu Beratungsbeginn noch nicht verheiratet waren, gaben in 52 % der Fälle an, diesen im Rahmen der Zwangsverheiratung zu befürchten. Diese Befunde sind ein deutliches Indiz, dass Ausbildungsabbrüche im Falle von erfolgten Zwangsverheiratungen tatsächlich ein quantitativ rele-vantes Phänomen darstellen.

Wenn eine Auslandsverbringung vollzogen worden ist, kam es in 86 % der Fälle zu Schul- bzw. Ausbildungsabbrüchen. Wenn eine Auslands-verbringung bisher lediglich angedroht wurde bzw. (noch) nicht stattfand, sind demgegenüber wesentlich seltener (17 % bzw. 31 %) Schul- bzw. Ausbildungsabbrüche angegeben. Selbstverständlich kann hierbei der Schul- bzw. Ausbildungsabbruch unvermeidliche Folge des Ortswechsels im Zuge einer Auslandsverbringung sein.Von diesem Risiko sind Frauen eindeutig stärker betroffen als Männer: Auf nur einen von 13 Rat suchenden Männern (entspricht 8 %) traf ein Schul- oder Ausbildungsabbruch zu, aber immerhin auf 30 % der Frauen.

3.10 Betroffenheit von spezifischen Gruppen: neu zugewanderte Menschen und männliche Betroffene

Im Rahmen der Untersuchung wurde auch der Frage nachgegangen, inwieweit einerseits neu zugewanderte Menschen und andererseits junge Männer von Zwangsverheiratung bedroht und betroffen sind. Hintergrund dieses Untersuchungsschrittes ist die naheliegende Vermutung, dass beide Gruppen von bestehenden Beratungsange-boten generell schwerer erreicht werden.

3.10.1 Neu Zugewanderte

Mit Blick auf die Ergebnisse der bundesweiten Beratungsstellen-befragung zeigt sich, dass 16 % aller bedrohten und betroffenen Per-sonen für eine Ehe nach Deutschland kamen. Die Befunde aus dem Einsatz des Dokumentationsbogens ergeben, dass 7 % der erfassten von Zwangsverheiratung Bedrohten bzw. Betroffenen erst bis zu 3 Jahren in Deutschland leben – der Grund der Einreise wurde hier jedoch nicht ermittelt.

Nach Einschätzung der im Rahmen dieser Untersuchung interview-ten Personen, die über Erfahrung mit Integrationskursen verfügen – und zwar als Kursleitende, als Fachbereichsleitung, als sozialpäda-gogische Beratung oder auch durch Organisation und Durchfüh-rung von Fortbildungen –, ist unklar, wie viel Personen in Integra-tionskursen von Zwangsverheiratung betroffen sind. Von konkreten Fällen wurde kaum berichtet, überwiegend wurde vermutet, dass Zwangsverheiratung als solche kein nennenswertes Problem dar-stellen würde. Ein Teil der interviewten Expertinnen und Experten weist aber auch darauf hin, dass das Thema ein Tabu sei.Hinderungsgrund für eine Thematisierung von Zwangsverheira-tungen scheint vor allem die Angst vor Stigmatisierung und dem Vorwurf einer Scheinehe – und damit verbunden auch dem Verlust des Aufenthaltsstatus – zu sein. In der Regel erfolgt in den Kursen der Zugang zum Problem Zwangsverheiratung eher über andere The-men wie „häusliche Gewalt“, „Partnerwahl“, „Hochzeiten“, „Partner-schaft“; Themen also, die sich für eine vergleichende Behandlung der deutschen Lebensverhältnisse mit den Gegebenheiten in den Herkunftsländern eher eignen.Die im Rahmen dieser Untersuchung interviewten Expertinnen und Experten weisen übereinstimmend darauf hin, dass Zwangsverhei-ratung zwar kein generelles Thema in den Kursen sei. Dennoch wer-den Fortbildungsveranstaltungen für Kursleitende und Sozialbe-raterinnen und -berater als sinnvoll angesehen, um für das Thema zu sensibilisieren und entsprechende Problemlagen identifizieren zu können. Diesen komme eine besonders wichtige Rolle zu, da sie Informationen über Beratungsmöglichkeiten anbieten und als eine Art Schnittstelle fungieren können.

3.10.2 Männliche Betroffene

Erst seit wenigen Jahren wird zunehmend in Forschung wie Praxis auch auf die Betroffenheit von Männern hingewiesen. Die vorlie-gende Untersuchung sollte daher nach Möglichkeit auch Informa-tionen über die Betroffenheit von männlichen Personen, und hier vor allem in Hinblick auf Heranwachsende, erbringen.Auch in Deutschland sind Männer nach diesen Erhebungen von Zwangsverheiratung betroffen und suchen Beratungsstellen auf, wenn auch in deutlich niedrigerem Ausmaß als weibliche Bedrohte/Betroffene. Mit den durchgeführten Erhebungen wurden folgende Größenordnungen für betroffene Männer ermittelt:

I 6 ,6 % in der bundesweiten Befragung von Beratungsstellen (211 Fälle),I 5,2 % bei dem Einsatz des Dokumentationsbogens (42 Fälle) undI 8,3 % in Schulen (10 Fälle).Von diesen Bedrohten und Betroffenen fanden 35 % Zugang über die Einrichtungsart Migrantinnen-/Migrantenberatungsstelle. Immer-hin 24 % wurden aber auch von Mädchen-/Frauenberatungsstellen gemeldet. Hingegen entfielen auf die Jungen-/Männerberatungs-stellen und Lesben-/Schwulenberatungsstellen insgesamt nur 10 %.Hinsichtlich der Gewalt in der Erziehung sowie der Gewalt zur Durchsetzung der Zwangsverheiratung zeigten sich überraschen-derweise keine relevanten Unterschiede zwischen den Geschlech-tern. Männer waren nicht nur in etwa gleich häufig von Gewalt betroffen, auch die Arten der Gewaltausübung wiesen keine auf-fallenden Unterschiede zu den Angaben der weiblichen Bedrohten und Betroffenen auf. Männliche Bedrohte/Betroffene ließen sich auch zu gleichen Anteilen (gut zwei Drittel) wie die Frauen bereits vor der Verheiratung (also im Status der angedrohten Verheiratung) beraten. Allerdings können diese Ergebnisse aufgrund der niedri-gen Fallzahlen nur eine Tendenz abbilden.Hingegen hatten die im Rahmen der Untersuchung befragten Expertinnen und Experten der offenen Jugendhilfe eine teils unein-heitliche Einschätzung darüber, inwieweit männliche Jugendliche betroffen seien. Hier wurde deutlich, dass Zwangsverheiratung im Kontext männlicher Jugendlicher vor dem Hintergrund eines ande-ren Umgangs mit dem Thema Gewalt und Zwang diskutiert werden müsse. Nicht nur die Konsequenzen der Verheiratung unterscheiden sich, auch der Umgang mit Zwang ist anders; Jungen und Männer sehen sich selbst in der Regel nicht als Opfer und machen Zwang nicht zum Thema. Dies entspricht teils auch den Erwartungen der Umwelt an sie.

3.11 Motive und Ursachen von Zwangsverheiratungen

Im Rahmen einer explorativen Auswertung der vorhandenen Daten über Motive und Ursachen wurden vier Konstellationen unterschie-den, in denen sich jeweils spezifische Relationen zwischen Motiven (der Betreibung von Zwangsverheiratung) und sozialem Kontext (der Betroffenen wie der Herkunftsfamilien) erkennen lassen. Aller-dings ergeben die Befunde keine belastbaren Zusammenhänge mit den in der Öffentlichkeit diskutierten Erklärungsansätzen – wie sozioökonomische Diskriminierung, mangelnde Integrationsbe-reitschaft, ethnische Unterschichtung oder rigidem Traditionalis-mus. Die Merkmale der einzelnen Konstellationen legen eher die Vermutung nahe, dass die Genese von Drohung bzw. Vollzug von Zwangsverheiratungen jeweils an spezifische, kaum generalisier-bare Mischungen unterschiedlicher Faktoren gebunden ist.So scheinen ähnliche ökonomische Kontexte nicht nur mit ver-schiedenen Motivlagen aufseiten der Herkunftsfamilie vereinbar zu sein, darüber hinaus führen sie offenbar auch zu unterschied-lichen Verarbeitungsweisen aufseiten der Betroffenen: Im einen Fall nämlich wählen sie häufiger den direkten Weg zu einer Bera-tungseinrichtung, im anderen Fall bedürfen sie eher der Hilfe durch Dritte. In einer dritten Konstellation liegen eher Anzeichen vor, die (wie: Staatsangehörigkeit, Erwerbseinkommen, Beherrschung der deutschen Sprache) üblicherweise als Merkmale von Integrationgedeutet werden. Gleichwohl kommt es hier überdurchschnittlich oft zum Einsatz manifester Gewalt bei der Androhung von Zwangs-verheiratung, ohne dass eine eindeutige Motivlage erkennbar wäre. Besonders die vierte Konstellation bedarf noch intensiver Unter-suchung; als kleinste Gruppe der untersuchten Fälle deutet sie auf ein erhebliches Dunkelfeld hin, das in auffälliger Weise durch Versuche gekennzeichnet ist, die sexuelle Orientierung der Kinder durch Androhung von Zwangsverheiratung sei es zu brechen, sei es zu verbergen.Das Bild, das sich in diesen explorativen Befunden abzeichnet, weist in der Tendenz auf eine Entkoppelung von objektiv beschreibbaren sozioökonomischen Lagen und Motivkomplexen hin, die bei (ange-drohter) Zwangsverheiratung anzutreffen sind. Diese Vermutung würde mit der zentralen Aussage der Studie von Sinus Sociovision über Migranten-Milieus korrespondieren, derzufolge weder von der Herkunftskultur auf das Milieu noch vom Milieu auf die Herkunfts-kultur rückgeschlossen werden könne.Diese Kurzfassung der Studie ist vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend in Abstimmung mit den Autorinnen und Autoren der Studie erstellt worden.

Quelle: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Zwangsverheiratung-in-Deutschland-Anzahl-und-Analyse-von-Beratungsf_C3_A4llen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

Tabuthema: “Zwangsverheiratung in Deutschland” (2)


Es ist ein Tabuthema in Deutschland: Zwangsverheiratung von Migrantinnen und solchen Mädchen und Frauen, die einen Migrantenhintergrund haben.

Erstmals führte jetzte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie durch: “Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen”.

Nachfolgend möchte ich die Kurzfassung dieser Studie wiedergeben (mit Ausnahme der zahlreichen Fußnoten, die bei der Originalquelle (siehe Ende des Artikels) nachgelesen werden können):

III.

Ergebnisse

3.1 Die Rolle von Zwangsverheiratungen in der Beratung und an Schulen

Von den bundesweit befragten 1.445 Beratungs- und Schutzein-richtungen wurden 830 Einrichtungen erreicht, von denen 366 die Frage danach, ob Zwangsverheiratungen bei ihnen im Jahr 2008 eine Rolle gespielt haben, bejahten. Für gut ein Viertel aller ange-schriebenen Beratungsstellen im Bundesgebiet stellte Zwangsver-heiratung in diesem Zeitraum also ein Thema dar, bezogen auf die Einrichtungen, die auf die Befragung geantwortet haben, beträgt der Anteil mehr als 40 %.Angeschrieben wurden Einrichtungen verschiedener Einrichtungs-arten in allen Bundesländern. Hier fällt zunächst eine Diskrepanz der ostdeutschen zu den westdeutschen Bundesländern auf. Wäh-rend sich die ostdeutschen Bundesländer zwar insgesamt gut an der Befragung beteiligten, ist Zwangsverheiratung hier nur in relativ wenigen antwortenden Einrichtungen auch ein Thema. Ein Blick auf die Art der befragten Einrichtungen zeigt, dass Zwangsverhei-ratung am häufigsten in Frauenhäusern/Zufluchtsstellen sowie in Mädchen-/Frauenberatungsstellen ein Thema darstellt. Hier gab jeweils mehr als die Hälfte der antwortenden Einrichtungen an, dass Zwangsverheiratungen bei ihnen im Jahr 2008 eine Rolle spiel-ten. Aber auch bei 43 % der Migrantinnen-/Migrantenberatungs-stellen war Zwangsverheiratung ein Thema. Lesben-/Schwulen-beratungsstellen sowie Jungen-/Männerberatungsstellen hatten noch Ja-Anteile von etwa einem Drittel, nur in den Familien-/Jugend-beratungsstellen scheint das Thema Zwangsverheiratung seltener vorzukommen (hier liegen die Nennungen bei lediglich 26 bzw. 21 %).

Die Klassifikation der Einrichtungsarten beruht auf einer Selbstzu-ordnung durch die Einrichtungen. Der hohe Anteil an „Sonstigen“ umfasst eine Vielzahl von spezialisierten Einrichtungen (wie etwa Einrichtungen des Opferschutzes, Beratungsstellen für Prostituierte, Beratungsstellen bei sexualisierter Gewalt etc.). Bei den Einrichtungen mit „mehreren Arbeitsschwerpunkten“ handelt es sich um solche Ein-richtungen, die mehrere Tätigkeitsschwerpunkte angegeben haben. An der Schulbefragung beteiligten sich 254 von 726 angeschrie-benen Schulen. Auch hier lag der Rücklauf mit 35 % relativ hoch, obschon deutlich niedriger als bei den Beratungsstellen. Anders als bei den Beratungsstellen ist das Thema nach der Erhebung in Schu-len nicht nur dann relevant, wenn Fälle von bedrohten oder betrof-fenen Jugendlichen bekannt wurden. Bei etwa einem Drittel der antwortenden Schulen waren Zwangsverheiratungen ein Thema, ohne dass hier Angaben über möglicherweise betroffene Schülerin-nen und Schüler gemacht wurden..

Dass Zwangsverheiratungen an weniger als einem Viertel der Schu-len, die sich überhaupt beteiligt haben, Thema war, überrascht gerade vor dem Hintergrund der breiten Debatte der letzten Jahre ein wenig. Immer wieder wird dabei hervorgehoben, wie wichtig gerade Prävention und die Arbeit an den Schulen sind.

In diesem Zusammenhang wurden Unterrichtsmaterialien entwickelt, Fort-bildungen für Lehrkräfte konzipiert und durchgeführt sowie an vielen Schulen auch spezifische Bildungsangebote eingeführt.Warum Zwangsverheiratungen trotzdem so selten ein Thema darstellen, wird von den interviewten Lehrkräften unterschiedlich beurteilt. Hier wird zum einen auf die Sensibilität des Themas hin-gewiesen: „Aufgrund der Verschwiegenheit der Betroffenen ist es immer schwer, überhaupt was davon mitzubekommen. Man ver-mutet zwar was, aber es ist eben immer auch nur Spekulation.

Notwendig sei ein gutes und offenes Verhältnis in den Schulen zu den Schülerinnen und Schülern. Daneben wird aber auch deutlich gemacht, dass Zwangsverheiratung nur ein Thema unter vielen sei, die von den Schulen aufgegriffen und behandelt werden müssen. Dahinter stehe häufig das Thema Gewalt. Letztlich sei vor allem auch die Frage, ob es an einer Schule eine Sensibilisierung für das Thema familiäre Gewalt gebe, bestimmend dafür, wie intensiv die Problema-tik in einer Schule diskutiert werde.

3.2 Anzahl der von Zwangsverheiratung Bedrohten und Betroffenen

Das Ausmaß der Betroffenheit von (angedrohten) Zwangsverheira-tungen kann mit der vorliegenden Untersuchung nur auf Basis der im Rahmen der Beratungsstellenbefragung erhobenen Fallzahlen beschrieben werden. Von den 830 Einrichtungen, die sich an der Befragung beteiligt haben, nannten 358 Einrichtungen Beratungs-fälle, die sich für das Jahr 2008 auf insgesamt 3.443 beratene Perso-nen beliefen, darunter 252 (7 %) Männer.Der Wert von 3.443 Beratungsfällen stellt gewissermaßen eine „Bruttogröße“ dar:

I Die Anzahl bezieht sich zunächst nur auf Angaben aus Beratungs- und Schutzeinrichtungen zu der Frage, wie viele Personen sich dort im Jahr 2008 zu dem Thema Zwangsverheiratung beraten ließen. Weiter ist davon auszugehen, dass sich Personen, die in diesem Zeitraum von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen waren, auch parallel in mehreren Einrichtungen beraten ließen und daher in der Zählung unter Umständen mehrfach auftau-chen. Die befragten Beraterinnen und Berater vermuten, dass sich zwischen 14 und 43 % der erfassten Personen mit Beratungsbedarf wegen einer (angedrohten) Zwangsverheiratung noch an weitere Einrichtungen gewandt haben.

IDie Anzahl bildet die Angaben derjenigen Einrichtungen ab, die sich an der Befragung beteiligt haben. Sie gibt also weder Aus-kunft über Bedrohte und Betroffene, die Einrichtungen aufge-sucht haben, die keinen Fragebogen zurücksandten. Noch lässt sie Rückschlüsse darüber zu, wie viele Personen bzw. welche Gruppen von den Einrichtungen nicht erreicht werden. Auf diese Aspekte wird in der Studie ausführlich eingegangen.Zudem wurden sowohl angedrohte als auch bereits erfolgte Zwangs-verheiratungen erfasst. Wie in Tabelle 3-3 abgebildet, fanden 60 % der Beratungen vor einer Verheiratung statt, also im Rahmen einer angedrohten Zwangsverheiratung.

Bei der durchgeführten Falldokumentation lag der anteilige Wert der angedrohten Zwangsverheiratungen sogar bei 71 % und somit deutlich höher.Die durchgeführte Falldokumentation weist zudem auf zwei weite-re Aspekte hin, die auch in Hinblick auf das Dunkelfeld interessant sind: Mit dem eingesetzten Dokumentationsbogen wurde danach gefragt, ob weitere Familienangehörige ebenfalls zwangsverheira-tet wurden. Diese Frage wurde in 25 % der Fälle bejaht, bei insgesamt 199 Beratungsfällen wurde also angegeben, es seien weitere Famili-enangehörige Opfer von Zwangsverheiratungen.

Weiter wurde danach gefragt, ob im Rahmen eines Beratungsfalles weitere Personen mit bedroht waren und wenn ja, welche. Weitere Bedrohte gab es in insgesamt 35 % der Fälle. Dabei handelte es sich etwa hälftig um Familienangehörige und um externe Personen (vor allem Freundinnen/Freunde und Partnerinnen/Partner, in einzel-nen Fällen aber auch Professionelle). Soweit Familienangehörige genannt wurden, sind dies überwiegend weibliche Bedrohte, in 9 % der Fälle wurden auch Kinder als mit bedrohte Personen ange-geben. Insgesamt muss also davon ausgegangen werden, dass die Androhung einer Zwangsverheiratung sich nicht allein auf jene bezieht, die Beratungseinrichtungen aufgesucht haben, sondern in nicht unerheblichem Maße auch weitere Personen im Familien- oder Freundeskreis betrifft.

Zusammenfassend lässt sich in Hinblick auf die Anzahl der von Zwangsverheira-tung bedrohten und betroffenen Personen, die mit dieser Untersuchung erfasst wurden, sagen, dass die Angaben auf einer weiten Definition von Zwangsverhei-ratung beruhen. In 60 % der Fälle war die Zwangsverheiratung angedroht und noch nicht vollzogen. Mit den bereits verheirateten Personen sind auch diejeni-gen erfasst, deren Eheschließung bereits vor längerer Zeit erfolgte.Eine nicht genauer zu beziffernde Anzahl an Personen wurde voraussichtlich mehrfach erfasst, da etliche Betroffene mehrere Beratungsstellen aufgesucht haben. Die befragten Beraterinnen und Berater vermuten, dass sich zwischen 14 und 43 % der erfassten Personen mit Beratungsbedarf wegen einer (angedroh-ten) Zwangsverheiratung noch an weitere Einrichtungen gewandt haben.Insgesamt gaben die Beraterinnen und Berater aus 830 Beratungs- und Schutz-einrichtungen in Deutschland an, dass sie im Jahr 2008 zusammen 3.443 Perso-nen zu dem Thema Zwangsverheiratung beraten haben, darunter waren 252 (7 %) Männer.Personen, die sich nicht an Beratungsstellen wandten, sind hier nicht enthalten. Daneben sind Personen, die im Zuge einer (angedrohten) Zwangsverheiratung zwar nicht selbst zur Ehe gezwungen, aber z. B. als Unterstützungspersonen oder Lebensgefährten mit bedroht sind, ebenfalls nicht erfasst.

3.3 Zugänge zur Beratung

Für die Betroffenen ist der Weg in die Beratung nicht einfach. Die Daten zeigen

drei typische Formen der Kontaktaufnahme zu den befragten Einrichtungen. Knapp ein Drittel der Betroffenen wählt den direkten Kontakt zu den Einrichtungen, bei einem weiteren Drittel sind es Freundinnen/Freunde oder sonstige Dritte, die den Kontakt herstellen. Bei dem dritten Typus – auf ihn entfallen rd. 35 % – erfolgt die Beratung vermittelt über Dritte, dabei handelt es sich häufig um Professionelle (vor allem Mitarbeitende anderer Einrich-tungen, sozialer Dienste an Schulen etc.)Gerade die Beratungen des dritten Typs verweisen auf ein Dunkel-feld der schwer Erreichbaren. Je spezialisierter Beratungseinrich-tungen sind und je differenzierter ihre kommunikative Vernetzung in den relevanten Milieus der potenziell Betroffenen ist, desto eher scheint es ihnen zu gelingen, auch jene Gruppen von Betroffenen zu erreichen, die einen direkten Kontakt zu Einrichtungen vermeiden.

Zusammenfassend lässt sich sagen, dass neben dem institutionellen Faktor, der auf den Spezialisierungsgrad und die regionale Erreich-barkeit einer differenzierten Beratungsinfrastruktur verweist, die verfügbaren Daten auf Folgendes hindeuten: Zu den betroffenen Personen, die nicht selbst entsprechende Einrichtungen aufzu-suchen, gehören in der Tendenz eher:

I jüngere Bedrohte und Betroffene, vielfach noch die Schule besuchend,I Personen mit schlechten Deutschkenntnissen undI Betroffene, bei denen die angedrohte Zwangsverheiratung noch nicht vollzogen ist.

3.4 Wer ist vor allem von Zwangsverheiratungen bedroht und betroffen?

3.4.1 Geschlecht und Alter

Von Zwangsverheiratungen sind in erster Linie

Mädchen und Frauen bedroht bzw. betroffen, darunter knapp 30 % im Alter bis einschließlich 17 Jahre. Auf die Altersklasse der 18- bis 21-Jährigen entfallen rd. 40 %. Die jüngste Beratene war 9 Jahre, die älteste 55 Jahre alt. Dass Frauen so deutlich das Bild prägen, sollte nicht zu dem Schluss führen, Zwangsverheiratungen stellten für Jungen und Männer kein Problem dar. Eine mögliche Erklärung liegt vor allem in der Tatsache, dass für diese keine entsprechende Beratungsstruk-tur zur Verfügung steht. Auch wenn die verfügbaren Daten nur auf 5 bis 8 % betroffener Männer hinweisen, so ist hier von einem erheb-lichen Dunkelfeld auszugehen. Nicht zuletzt aufgrund traditionell ausgelegter Männlichkeitsrollen ist der „Graubereich“ zwischen „arrangierter Ehe“ und einer „Zwangsverheiratung“ hier noch schwerer zugänglich als bei den betroffenen Frauen.

Ein Blick auf die Altersverteilung hinsichtlich der Frage, ob die Zwangsverheiratung angedroht oder bereits vollzogen war, zeigt Folgendes:Je älter die Personen, umso häufiger waren sie bereits gegen ihren Willen verheiratet, wenn sie sich in Beratung begaben und hier erfasst wurden: Ab der Altersgruppe von 22 Jahren und älter waren 61 % bereits verheiratet, in 39 % der Fälle war die Zwangsverheira-tung angedroht. Demgegenüber sind von den unter 22-Jährigen erst 15 % verheiratet, in den überwiegenden Fällen war die Zwangs-verheiratung angedroht (insgesamt 85 %). Bei den unter 18 Jahre alten Personen liegt der Anteil der bereits verheirateten bei 7 % (15 Personen). Für 13 von diesen 15 Personen lagen Angaben zur Art der Eheschließung vor. Daraus ergibt sich, dass nur 4 der Ehe-schließungen standesamtlich bzw. in staatlich anerkannter Form erfolgten (in einem Fall auch bei einer unter 16-Jährigen, bei der die Verheiratung in staatlich anerkannter Form im Ausland stattfand). Weitere 9 sind ausschließlich im Rahmen einer rechtlich nicht verbindlichen religiösen oder sozialen Eheschließung verheiratet worden.

3.4.2 Herkunft, Staatsangehörigkeit, Aufenthaltsdauer

Fast alle Beratenen haben einen

Migrationshintergrund; die meis-ten sind in Deutschland geboren (32 %), gefolgt von der Türkei (23 %), Serbien/Kosovo/Montenegro (8 %) und dem Irak (6 %).Die Frage, aus welchen Herkunftsländern die Personen kommen, wurde mit der Falldokumentation erhoben. Bei der Datenauswer-tung wurde die Zuordnung zu den entsprechenden Ländern aus-schließlich nach politischen Kategorien vorgenommen. Berücksich-tigt wurden nur Länder, die Mitgliedsstaaten der Vereinten Nationen sind oder die von diesen Mitgliedsstaaten mehrheitlich völker-rechtlich anerkannt werden. Herkunftsregionen, die völkerrecht-lich anerkannten Staaten angehören, oder Ethnien, die in solchen Staaten leben, werden in der folgenden Tabelle also nicht gesondert ausgewiesen.

Nicht bestätigen lässt sich die These, dass von Zwangsverheira-tungen in Deutschland fast ausschließlich Menschen türkischer Herkunft betroffen seien. Insbesondere der Blick auf die Herkunfts-länder der Eltern (vgl. 3.5.1) bestätigt, dass 44 % der erfassten von Zwangsverheiratung bedrohten oder betroffenen Menschen einen türkischen Migrationshintergrund haben. Damit bilden diejenigen mit türkischer Herkunft zwar die größte Gruppe, insgesamt stellen sie aber weniger als die Hälfte aller Beratenen – dies vor dem Hin-tergrund, dass sie die größte Gruppe der in Deutschland lebenden ausländischen Bevölkerung und der in Deutschland lebenden Bevölkerung mit Migrationshintergrund ausmachen.Ein Blick auf die

Staatsangehörigkeiten zeigt zudem, dass 44 % der zu Zwangsverheiratungen beratenen Menschen die deutsche bzw. die deutsche plus eine weitere Staatsangehörigkeit besitzen (Tabelle 3-6). Damit übersteigt der Anteil der Personen mit deutscher Staatsange-hörigkeit den Anteil der in Deutschland Geborenen von 32 % deutlich. 56 % der Bedrohten und Betroffenen verfügen nicht über die deut-sche Staatsangehörigkeit, 2 % dieser Personen sind staatenlos.

In der hier untersuchten Gruppe ist die deutsche Staatsangehö-rigkeit seltener vertreten als unter den insgesamt in Deutschland lebenden Menschen mit Migrationshintergrund: Von diesen sind 53 % Deutsche, 47 % haben keine deutsche Staatsangehörigkeit.

Soweit der Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit als Indiz von Integration gelten sollte, ließe sich eine daraus abzuleitende These, dass das Problem Zwangsverheiratung überwiegend sehr wenig integrierte Personen betrifft, nicht bestätigen. Immerhin besitzt gerade im Alter zwischen 18 und 27 Jahren etwa die Hälfte der erfassten Personen die deutsche Staatsangehörigkeit.Auch von den im Ausland Geborenen leben die meisten seit Langem in Deutschland – nur ein Fünftel weniger als 5 Jahre. Etwa ein Fünf-tel der Beratenen hatte einen befristeten Aufenthaltstitel.

3.4.3 Erwerbsbeteiligung, Bildung

Die Mehrheit befand sich zum Zeitpunkt der Beratung noch in der Ausbildung – 37 % in einer schulischen und 21 % in einer beruflichen Ausbildung.Die Differenzierung nach dem Status der Zwangsverheiratung zeigt, dass sich die zum Beratungszeitpunkt bereits verheirateten Perso-nen merklich seltener noch in schulischer oder beruflicher Bildung befanden als die Personen, deren Verheiratung erst angedroht war. (Nur insgesamt 22 % der bereits Verheirateten befanden sich noch in der schulischen oder beruflichen Ausbildung.) Der Anteil der Erwerbstätigen ist in dieser Personengruppe fast vergleichbar, jedoch sind Nichterwerbstätige und Arbeitslose hier erkennbar stärker vertreten (Tabelle 3-8).Im Ergebnis fällt also auf, dass die zum Beratungsbeginn bereits ver-heirateten Personen – auch unabhängig von ihrem Alter – über eine deutlich geringere schulische und berufliche Bildung verfügten und in deutlich geringerem Maße am Erwerbsleben beteiligt waren.

Ein entsprechendes Ergebnis lässt sich in Hinblick auf die erreich-ten Schulabschlüsse feststellen: Die bereits Zwangsverheirateten verfügten über eine deutlich schlechtere Schulbildung als jene Menschen, die von einer Verheiratung bedroht waren (Tabelle 3-9). Insbesondere haben 44 % der bereits Verheirateten die Schule ohne Schulabschluss verlassen, während dies nur auf 19 % der noch nicht Verheirateten zutrifft. Die schon Verheirateten haben entsprechend auch deutlich seltener einen Haupt- oder Realschulabschluss. Auf dem Niveau der (Fach-)Hochschulreife zeigen sich indes keine Ver-änderungen mehr.

Vergleichbar den Ergebnissen zur Schulbildung hatten die Men-schen, die zum Beratungszeitpunkt bereits verheiratet waren, auch ein deutlich niedrigeres Berufsbildungsniveau: 80 % waren ohne Berufsausbildung, während dies nur auf 57 % der noch nicht Zwangsverheirateten zutraf.Diese Ergebnisse lassen sich nicht mit dem Umstand erklären, dass die bereits Verheirateten im Schnitt älter sind als diejenigen, die von Zwangsverheiratung bedroht sind. Auch unter Ausschluss des Faktors „Alter“ zeigt sich, dass die Gruppe der Verheirateten wesent-lich schwächer an der schulischen und beruflichen Bildung beteiligt und deutlich häufiger arbeitslos und nicht erwerbstätig ist. Hier ist vielmehr die Annahme plausibler, dass im Falle einer Zwangsver-heiratung die Ausbildung und Erwerbstätigkeit der Betroffenen mindestens nicht weiterverfolgt oder aber auch verhindert werden. Auch in diesem Zusammenhang dürfte das Risiko von Schul- bzw. Ausbildungsabbrüchen eine Rolle spielen.

Quelle: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Zwangsverheiratung-in-Deutschland-Anzahl-und-Analyse-von-Beratungsf_C3_A4llen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

Tabuthema: „Zwangsverheiratung in Deutschland“ (1)


Es ist ein Tabuthema in Deutschland: Zwangsverheiratung von Migrantinnen und solchen Mädchen und Frauen, die einen Migrantenhintergrund haben.

Erstmals führte jetzte das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend eine Studie durch: „Zwangsverheiratung in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“.

Nachfolgend möchte ich die Kurzfassung dieser Studie wiedergeben (mit Ausnahme der zahlreichen Fußnoten, die bei der Originalquelle (siehe Ende des Artikels) nachgelesen werden können):

ABSTRACT

Mit der Studie „Zwangsverheiratungen in Deutschland – Anzahl und Analyse von Beratungsfällen“ wurde erstmals bundesweit das Wissen von Beratungseinrichtungen über Menschen, die von Zwangsverheiratung bedroht oder betroffen sind, erhoben und systematisch ausgewertet. Kernstücke dieser Untersuchung stellen eine schriftliche Befragung in Beratungs- und Schutzeinrichtungen und eine sechsmonatige Dokumentation von individuellen Bera-tungsfällen dar. Daneben wurden flankierende Untersuchungen in ausgewählten Handlungsfeldern wie Schulen, Integrationszentren, Einrichtungen der Jugendhilfe und bei Migrantenselbstorganisa-tionen durchgeführt. Diese Kombination von Erhebungsmethoden hat es ermöglicht, das Thema Zwangsverheiratungen aus dem Blickwinkel unterschiedlicher Perspektiven zu beleuchten.Wenn Zwangsverheiratungen in der Öffentlichkeit diskutiert werden, steht häufig zunächst die Frage nach einer genauen Zahl der betroffenen Personen im Vordergrund. Hierauf wird auch die in Auftrag gegebene Studie keine abschließende Antwort geben können und wollen. Die ermittelte Größenordnung beruht auf einer weiten Definition von Zwangsverheiratung. Insgesamt wurden 3.443 Personen im Jahr 2008 in insgesamt 830 Beratungsstellen erfasst; die Zahlen betreffen rd. 60 % angedrohte und 40 % vollzogene Zwangsverheiratungen. In den erfassten Fällen sind auch in einem bestimmten Umfang Mehrfachzählungen enthalten. Je nach Art der Beratungseinrichtungen liegt der Anteil derjenigen, die mehrere Einrichtungen aufsuchten, schätzungs weise zwischen 14 und 43 %. Allerdings liegt hinter den beobach teten Fällen ein gro-ßes Dunkelfeld nicht erfasster Betroffener.Die Studie setzt sich mit den unterschiedlichen Zugängen zur Beratung auseinander und diskutiert Anforderungen, die an eine repräsentative Erhebung zu stellen wären. In den Blick genommen werden soziale Hintergründe, Umstände von Zwangsverheiratung sowie spezifische Gruppen von Bedrohten bzw. Betroffenen.In Deutschland waren überwiegend Menschen mit Migrations-hintergrund im Alter zwischen 18 und 21 Jahren von Zwangsverhei-ratung bedroht und betroffen, in vielen Fällen hatten sie die deut-sche Staatsangehörigkeit.Nicht erst der Vollzug, schon die Androhung von Zwangsverheira-tung ist Gewalt. Wie die Daten zeigen, war die Zwangsverheiratung häufig noch nicht vollzogen, wenn die Personen Beratung aufsuch-ten, ein Drittel war jedoch bereits gegen den Willen verheiratet wor-den. Dies hatte – neben den erheblichen physischen und psychischen Folgen einer (angedrohten) Zwangsverheiratung – auch in Hinblick auf die Bildungssituation der Betroffenen gravierende Konsequenzen.Unabhängig vom Alter hatten die Verheirateten ein deutlich niedrigeres Schul- und Berufsbildungsniveau als diejenigen, die noch nicht verheiratet wurden. Häufig geht eine Verheiratung mit Schul- und Ausbildungsabbrüchen einher. Zudem sind die Betrof-fenen in hohem Maße davon bedroht, für die Ehe zukünftig im Ausland leben zu müssen. Ebenso waren auch Jungen und Männer in Deutschland von Zwangsverheiratungen bedroht oder betroffen. Für viele von ihnen unterscheiden sich aber die Konsequenzen einer Verheiratung sowie der Umgang mit Zwang. Nur wenige suchten Beratungsstellen auf, eine entsprechend spezialisierte Beratungs-struktur fehlt. Aber diejenigen, die Beratungseinrichtungen auf-suchten, waren ebenso wie Mädchen und Frauen massiv von Gewalt zur Durchsetzung einer Zwangsverheiratung betroffen.Durchgeführt wurde die Studie in den Jahren 2009 bis 2010 im Auftrag des Bundesministeriums für Familie, Senioren, Frauen und Jugend von der Lawaetz-Stiftung/Hamburg und Torsten Schaak – Büro für Sozialpolitische Beratung/Bremen in Zusammenarbeit mit TERRE DES FEMMES e. V., Tübingen.

I.

Hintergrund und Kontext der Untersuchung

Erzwungene Heiraten werden seit Langem in verschiedenen Kon-texten diskutiert, seit einigen Jahren sind sie auch in Deutschland Gegenstand einer breiten öffentlichen und politischen Diskussion. Einigkeit besteht darüber, dass es sich dabei um eine eklatante Men-schenrechtsverletzung handelt, von der in den meisten Ländern Europas überwiegend Migrantinnen betroffen sind. In der Forschung besteht ebenso Einigkeit darüber, dass sich Zwangsverheiratungen nicht auf bestimmte religiöse Traditionen zurückführen lassen, sie kommen in unterschiedlichen sozialen, ethnischen und kulturellen Kontexten überall auf der Welt – und auch in Europa – vor.Erst in den letzten Jahren haben eine Reihe sogenannter „Ehren-morde“ in verschiedenen europäischen Ländern sowie biogra fische Falldarstellungen dazu beigetragen, das Thema in die Medien-berichterstattung zu bringen und damit zum Gegenstand einer breiten öffentlichen und politischen Debatte zu machen. Entspre-chend wurde in den letzten Jahren in Europa auch eine Reihe von Situationsberichten, Strategiepapieren, Studien und Empfehlungen veröffentlicht. Auf Ebene des Europarats ergingen mehrere Empfeh-lungen zur Bekämpfung von Zwangsverheiratungen.

1Diskutiert werden Zwangsverheiratungen in Europa vor allem in Hinblick auf Menschen mit Migrationshintergrund – und in Deutschland insbesondere auf solche mit türkischer Herkunft. Dabei erfolgt die Debatte unter verschiedenen Perspektiven: im Kontext der Migrations- und Integrationsdebatte, im Zusammen-hang mit familiärer Gewalt – und hier insbesondere unter dem Aspekt Gewalt gegen Frauen – sowie unter dem Aspekt der Men-schenrechtsverletzungen.2

1.1 Diskussion und Maßnahmen in Deutschland

In Deutschland stehen die Bekämpfung und Verhinderung von Zwangsverheiratungen seit einigen Jahren auf der politischen Agenda und sie werden als eine der wichtigen gleichstellungspoliti-schen und integrationspolitischen Herausforderungen angesehen. Sowohl auf Bundes- als auch auf Länderebene wurden seitdem vielfältige Maßnahmen zur Verhinderung und Bekämpfung von Zwangsverheiratung gefördert.

Bereits seit Februar 2005 ist Zwangsverheiratung als ein besonders schwerer Fall der Nötigung mit einem Strafrahmen von 6 Mona-ten bis zu 5 Jahren strafbar. Der Bundesrat hat am 8. Juli 2005, am 10. Februar 2006 sowie am 12. Februar 2010 den Entwurf für ein Zwangsverheiratungs-Bekämpfungsgesetz beschlossen und in den Bundestag eingebracht. Bereits seit Februar 2005 ist Zwangsverheiratung als ein besonders schwerer Fall der Nötigung mit einem Strafrahmen von 6 Mona-ten bis zu 5 Jahren strafbar. Der Bundesrat hat am 8. Juli 2005, am 10. Februar 2006 sowie am 12. Februar 2010 den Entwurf für ein Zwangsverheiratungs-Bekämpfungsgesetz beschlossen und in den Bundestag eingebracht.

Am 17.03.2011 verabschiedete der Bun-destag den von der Bundesregierung vorgelegten Entwurf eines „Gesetzes zur Bekämpfung der Zwangsheirat und zum besseren Schutz der Opfer von Zwangsheirat sowie zur Änderung weiterer aufenthalts- und asylrechtlicher Änderungen“ in einer auf Antrag von Union und FDP geänderten Fassung.

Diese beinhaltet die Aufnahme eines eigenständigen Straftatbestandes gegen Zwangs-heirat im Strafgesetzbuch. Außerdem wurde das Rückkehrrecht für Betroffene, die gegen ihren Willen im Ausland festgehalten und verheiratet werden, von derzeit 6 Monaten unter bestimmten Voraussetzungen auf 5 bzw. 10 Jahre verlängert. Zugleich wurde die Ehebestandszeit beim eheabhängigen Aufenthaltsrecht von 2 auf 3 Jahre erhöht. Letzteres wird gerade von Nichtregierungsorganisa-tionen als eine erhebliche Verschlechterung für die von Zwangsver-heiratung betroffenen Menschen eingeschätzt. Aber auch seitens der Länder gab es Kritik an der vorgesehenen Erhöhung.

Daneben wurden Maßnahmen zur Bekämpfung von Zwangsver-heiratungen Bestandteil des Nationalen Integrationsplans und des Aktionsplans zur Bekämpfung von Gewalt gegen Frauen. Zahlrei-che Maßnahmen wie beispielsweise ein Onlineberatungsprojekt, Nothilfe-Flyer, Empfehlungen, Handreichungen und Workshops zum Thema Zwangsverheiratung als Menschenrechtsthema für spezifische Zielgruppen wurden unterstützt. In den letzten Jahren wurden auch einige nicht repräsentative und qualitative Studien veröffentlicht, die u. a. transnationale Eheschlie-ßungen, Partnerwahl, Zwangsverheiratung und die Situation türki-scher Männer untersuchen. In Baden-Württemberg sowie in den Städten Berlin und Hamburg wurden Befragungen von Beratungs-einrichtungen sowie Behörden und Institutionen durchgeführt.

1.2 Anlass der vorliegenden Studie

Trotz der intensiven öffentlichen Debatte besteht in Deutschland – wie in anderen europäischen Ländern – bisher ein erhebliches Defi-zit an empirischen Erkenntnissen über Zwangsverheiratungen. Bei den bisher vorliegenden Untersuchungen zum Thema handelt es sich vor allem um qualitative Studien, die sich in der Regel nur auf die Situationen einzelner Städte bzw. Bundesländer beziehen.Angesichts der Wissensdefizite über den Kontext von Zwangsver-heiratungen und der dargestellten Erhebungsprobleme, folgt die vorliegende Untersuchung einem Zugang, der unterschiedliche Methoden verbindet. In konzeptioneller Hinsicht orientiert sie sich an zwei übergreifenden Bezugspunkten:I Zum einen geht es un ter inhaltlichen Aspekten um eine Einschät-zung des Ausmaßes von Zwangsverheiratung unter Berücksich-tigung des sozioökonomischen Kontextes und der Lebenswelten der von Zwangsverheiratungen Bedrohten und Betroffenen.

Zum anderen dient die Studie auch dazu, die Zuverlässigkeit und Belastbarkeit spezifischer Erhebungsverfahren methodisch zu reflektieren und weiterzuentwickeln.Vor diesem Hintergrund hat das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) 2009 eine Studie über Struk-tur, Umfang und Formen von Zwangsverheiratung in Deutschland in Auftrag gegeben. Diese Untersuchung sollte auf dem vom BMFSFJ in Zusammenarbeit mit dem Deutschen Institut für Menschenrech-te 2007 herausgegebenen Sammelband zum Thema Zwangsver-heiratung aufbauen. Zur begleitenden Beratung in methodischen und inhaltlichen Fragen wurde ein Beirat eingesetzt. Die im Beirat vertretenen Personen kamen teils aus der universitären Forschung, teils aus der praktischen Arbeit sowie aus ministeriellen Arbeitszu-sammenhängen (s. Anhang 5.2).

II.

Grundlagen der Untersuchung

2.1 Anlage der Studie

Die Studie beruht wesentlich auf einer systematischen Erhebung des Wissens einschlägiger Praktikerinnen und Praktiker durch eine bundesweite Erhebung in 1.500 Beratungseinrichtungen (Bera-tungsstellenbefragung) und einer anschließenden sechsmonatigen Dokumentation individueller Beratungsfälle in rd. 100 Beratungs-einrichtungen (Falldokumentation). Dabei wurden mit der Beratungs-stellenbefragung – bezogen auf das Jahr 2008 – Daten über die Anzahl der von Zwangsverheiratung Bedrohten und Betroffenen ermittelt. Mit der Falldokumentation wurden im Jahr 2010 Angaben über die Personen selbst und ihre Herkunftsfamilien, die Umstände der Ehe-schließung sowie Informationen über einen Auslandsbezug der Ehe erhoben. Zusätzlich fand eine schriftliche Befragung in allgemein- und berufsbildenden Schulen statt (Schulbefragung); zu Teilfragen, insb. die Frage nach der Betroffenheit von Jungen und Männern, wur-den qualitative Erhebungen durchgeführt (ergänzende Experteninter-views). Zudem erfolgte eine schriftliche Befragung von Organisationen und Schlüsselpersonen aus verschiedenen Migrantencommunitys.Die Ergebnisse der Untersuchung wurden unter methodischen und inhaltlichen Gesichtspunkten mit Expertinnen und Experten, vor allem aus der Wissenschaft, im Rahmen eines Workshops diskutiert (Teilnehmerinnen und Teilnehmer s. Anhang 5.3).Das primäre Ziel der Untersuchung galt einer empirisch gestützten Annäherung an Betroffenheit und Umfang von Zwangsverheiratun-gen in Deutschland. In der Studie werden verschiedene Sichtweisen auf das Thema Zwangsverheiratung verknüpft.

Der Erhebung der Befunde liegt wesentlich die Perspektive der befragten Expertinnen und Experten aus der Beratungspraxis zugrunde (Beobachtungsperspektive). Als Beobachterinnen und Beobachter verfügen diese über ein spezifisches Wissen, ihre Sicht unterscheidet sich aber von der Sicht der Betroffenen selbst, die nicht befragt wurden. Dies ist bei der Bewertung der Befunde immer mitzudenken.

2.2 Exkurs: Ergebnis des Expertenworkshops zu Voraussetzungen und Möglichkeiten einer repräsentativen Untersuchung

Im Rahmen des durchgeführten Workshops mit Expertinnen und Experten aus dem wissenschaftlichen Bereich wurden u. a. Voraus-setzungen und Möglichkeiten einer repräsentativen Untersuchung diskutiert. Als ein wesentliches Problem einer repräsentativen Erhebung wurde die Bestimmung der Grundgesamtheit diskutiert: Teils wurde die Ansicht vertreten, dass ein methodisch adäquates Vorgehen zunächst eine Dunkelfeldanalyse, etwa an Berufsschulen oder im allg. Schulbereich, verlange. Teils wurde unterstrichen, dass repräsentative Erhebungen auf regionaler Ebene sehr wohl mög-lich seien, dann müsste allerdings sorgfältig geprüft werden, ob die Befunde auf andere Regionen übertragbar oder auf Deutschland hochrechenbar seien.Eine Behandlung des Themas im Rahmen allgemeiner Bevölke-rungsumfragen sei zwar nicht unmöglich, aber äußerst aufwendig. Grundsätzlich jedoch gelte: Repräsentativität ist ein sehr hoher Anspruch. Stichproben von 2.000 Fällen seien bereits sehr teuer, dabei stelle sich immer die Frage, ob die ermittelten Fallzahlen hoch genug sind, um belastbare Aussagen treffen zu können. Darüber hinaus erfordere der hier anvisierte Untersuchungsgegenstand erhebungstechnisch besondere Aufmerksamkeit (z. B. notwendige Übersetzungen der Fragebögen, Durchführung persönlicher Befra-gungen durch Interviewerinnen und Interviewer etc.).

Neben Schwierigkeiten der Ansprache wurde auch die Bestimmung der zu befragenden Grundgesamtheit problematisiert: Welche Alterskohorten sollten hier z. B. zugrunde gelegt werden? Sollten nur Menschen mit Migrationshintergrund befragt werden – und falls ja, wäre die Bandbreite unterschiedlicher Definitionen für „Migrationshintergrund“ zu berücksichtigen. Demgegenüber wur-de darauf hingewiesen, dass öffentlich geförderte Untersuchungen grundsätzlich die gesamte Bevölkerung berücksichtigen und nicht einzelne Gruppen herausgreifen sollten.Eine wichtige Frage, die sich bei der Erhebung der Anzahl der von Zwangsverheiratung betroffenen Personen stelle, sei auch die der begrifflichen Abgrenzung: Was genau soll hier gezählt werden? Wie lassen sich arrangierte Ehen von Zwangsverheiratungen abgrenzen, und auf welche Zeitpunkte sollte abgestellt werden? Von nicht zu unterschätzender Bedeutung sei auch, in welchen Diskurs das Thema Zwangsverheiratung eingeordnet werde, also etwa in den Kontext der Gewalt oder der Migration.Sofern in den Erhebungen weitere Beobachtende (etwa Beraterin-nen und Berater) eine Rolle spielen, müsse sichergestellt werden, dass diese über den erhebungsspezifischen Begriff des Gegenstan-des verfügen bzw. ihn anwenden können.Angesichts der methodischen Problematik und des finanziellen Aufwands, den bundesweit angelegte Repräsentativerhebungen erfordern, müsste der mögliche Ertrag derartiger Untersuchungen vorab sehr genau bedacht werden. Mit Blick auf konkrete sozialpo-litische bzw. sozialpädagogische Handlungsbedarfe seien zumeist kleinräumiger zugeschnittene Untersuchungen – konzentriert auf Städte mit hohen Migrationsquoten (etwa Berlin, München, Frank-furt oder Stuttgart) – in der Kombination quantitativer und qualita-tiver Verfahren angemessener.

2.3 Definition von Zwangsverheiratung

Eine eindeutige Definition von Zwangsverheiratung – zumal in Abgrenzung von sog. arrangierten Ehen – ist alles andere als selbstverständlich. In Abstimmung mit dem Beirat wurde der Untersuchung folgende – eher weite – Definition zugrunde gelegt:

Zwangsverheiratungen liegen dann vor, wenn mindestens einer der Eheleute durch die Ausübung von Gewalt oder durch die Drohung mit einem empfindlichen Übel zum Eingehen einer formellen oder infor-mellen (also durch eine religiöse oder soziale Zeremonie geschlossenen) Ehe gezwungen wird und mit seiner Weigerung kein Gehör findet oder es nicht wagt, sich zu widersetzen.“Im Unterschied dazu soll von einer arrangierten Ehe die Rede sein, wenn die Heirat zwar von Verwandten, Bekannten oder von Ehever-mittlern bzw. -vermittlerinnen initiiert, aber im vollen Einverständ-nis der Eheleute geschlossen wird. Bei Zweifeln in der Zuordnung sollte die Perspektive der Betroffenen zugrunde gelegt werden.Der Status der Zwangsverheiratung bezieht sich auf den Zeitpunkt der Eheschließung, hier wird zwischen angedrohter sowie bereits erfolgter Zwangsverheiratung unterschieden. Erfasst wurden erfolg-te bzw. geplante Eheschließungen sowohl in staatlich anerkannter Form als auch Eheschließungen ohne rechtliche Verbindlichkeit.

Quelle: http://www.bmfsfj.de/RedaktionBMFSFJ/Broschuerenstelle/Pdf-Anlagen/Zwangsverheiratung-in-Deutschland-Anzahl-und-Analyse-von-Beratungsf_C3_A4llen,property=pdf,bereich=bmfsfj,sprache=de,rwb=true.pdf

„Zwielichtige“ Freimaurer (4): „Logenbruder Schacht, Adolf Hitler und die Aussiedlung von Juden“


Freimaurer stehen für Einigkeit, Recht und Freiheit, für Brüderlichkeit, Humanität, Nächstenliebe, Demokratie, Liberalität und Bürgernähe. So sehen sie sich am liebsten. Verschwiegen werden jedoch zumeist die “zwielichtigen” Logenbrüder, die teilweise maßgeblich das Weltgeschehen “negativ” beeinflusst  haben. Auf meinem Blog werde ich einige dieser “zwielichtigen” Freimaurer beleuchten.

 

„Zwielichtige“ Freimaurer (4): „Logenbruder Hjalmar Schacht, Adolf Hitler und die Aussiedlung von Juden“[1]

 

Ein hochrangiger und prominenter Freimaurer saß sogar in Hitlers Regierung: die Rede ist von Horace Greeley Hjalmar Schacht (1877 – 1970).

Er hatte sich den Nazis nicht nur angebiedert, wie es zu jener Zeit viele Logen getan hatten, um einem Verbot zu entgehen, was freilich nichts nützte, sondern hatte die Schreckensherrschaft des Dritten Reiches von Anfang an unterstützt und war mit ein Wegbereiter des schlimmsten Diktators der Geschichte: Adolf Hitler.

Schacht war einst Präsident der Deutschen Reichsbank, dann Reichsbankpräsident (1933 – 1939) und Wirtschaftsminister (1934 – 1937), danach Minister ohne Geschäftsbereich (1937 – 1944), Mitglied der Loge „Urania zur Unsterblichkeit“ (aufgenommen 1906) und später „Zur Brudertreue an der Elbe“ (aufgenommen 1949). Schacht sympathisierte bereits 1926 mit den Nazis, lernte 1930 Hermann Göring, Joseph Goebbels und Adolf Hitler kennen. Zwei Jahre später unterstützte er als Finanzexperte die NSDAP, forderte unter anderen mit seiner Unterschrift bei einer Eingabe an Hindenburg Adolf Hitler zum Reichskanzler zu ernennen und half später entscheidend die Aufrüstung zu finanzieren. In London führte er sogar Verhandlungen über die „Aussiedlung von Juden“, die als der „Schacht-Rublee-Plan“ in die Geschichte einging. Und das obwohl er zunächst den Standpunkt vertrat, dass die „Rassenpolitik“ der deutschen Wirtschaft nicht nur schaden, sondern auch ruinieren würde und deshalb die diskrimminierende Behandlung jüdischer Unternehmen grundsätzlich ablehnte. Aber er hieß die erlassenen „Nürnberger Gesetze“ ausdrücklich gut: „Ich begrüße…die Nürnberger Gesetze, dass er (der Jude/d.A.) wieder zurückgedrängt ist in sein, ich kann ruhig sagen, Ghetto…“ Und er teilte das nationalsozialistische Staatsziel, Juden in der Gesellschaft zu isolieren. Ferner sagte er einmal: „Die Juden müssen sich damit abfinden, dass ihr Einfluss bei uns ein für alle Mal vorbei ist. Wir wünschen, unser Volk und unsere Kultur rein und eigen zu halten.“ An anderer Stelle, „kein Jude darf daher Volksgenosse sein“ und befürwortete die gesetzliche Diskrimminierung aller deutschen Juden, die sie zu „Staatsbürgern minderen Rechts“ erklärte. Schacht deutete bei seiner „Königsberger Rede“ auch an, dass er sich mit dem sogenannten „Blutschutzgesetz“ anfreunden könnte, das eine Heirat zwischen Nichtjuden und Juden verbot und zudem jeden außerehelichen Geschlechtsverkehr mit Zuchthaus strafte.

Schacht erhielt zudem das „Goldene Parteiabzeichen“ der NSDAP verliehen. Dennoch kühlte sich ab 1937 sein Verhältnis zu den Nazis ab, wurde 1944 von ihnen wegen der Mitverschwörung des Attentats auf Hitler verhaftet und in „Prominentenbaracken“ interniert. Amerikanische Militärstaatsanwälte stellten Schacht wegen „Verschwörung zur Herbeiführung des Krieges“ und der „Teilnahme an den Vorbereitungsmaßnahmen“ vor ein internationales Kriegsverbrechertribunal. Bei den Nürnberger Prozessen der Alliierten Sieger wurde er jedoch freigesprochen. Allerdings nicht wegen „erwiesener Unschuld“, sondern wegen „unbilliger Härte“. Doch aufgrund der Entnazifizierungsgesetzes galt er für die deutschen Behörden als Hauptschuldiger der nationalsozialistischen Herrschaft, weil er unter anderem der „nationalsozialistischen Gewaltherrschaft außerordentliche wirtschaftliche Unterstützung“ gewährt hatte. Er wurde fast zur gesetzlichen Höchsstrafe von acht Jahren Arbeitslager verurteilt und bis 1948 inhaftiert. Im Berufungsverfahren wurde er freigesprochen, weil die Spruchkammer ausschließlich entlastende Dokumente und Zeugenaussagen hörte und belastende Tatsachen einfach ignorierte; im Gegensatz zum erstinstanzlichen Urteil. 1953 gründete Schacht die Außenhandelsbank Schacht & Co. in Düsseldorf.

Der Schacht-Biograph Christopher Kopper schreibt: „Seine (Schachts/d.A.) Selbsterklärung, er habe sich dem NS-Regime nur aus patriotischen Motiven zur Verfügung gestellt und sei im Amt geblieben, um Schlimmeres zu verhüten, war ausgesprochen fragwürdig – aber fand in der alten (und neuen) Verwaltungselite und in den führenden Wirtschaftskreisen der Bundesrepublik durchaus Zustimmung.“[2]

Nicht nur der Umstand, dass ein Mithelfer Hitlers, der für Millionen Tote des Zweiten Weltkrieges und für die Verfolgung, Vertreibung und Ermordung von nahezu sechs Millionen Juden verantwortlich war, ein Freimaurer war, der gegen aber auch alle maurerischen Prinzipien verstoßen hatte, sondern auch die Tatsache, dass vier Jahre nach der Schreckensherrschaft der Nazis, also 1949 er erneut in eine Freimaurerloge („Zur Brudertreue an der Elbe“ in Hamburg) aufgenommen wurde, ist mehr als ein Skandal! Und das nicht nur in Hinsicht seiner 1953 veröffentlichten Lebenserinnerungen „76 Jahre meines Lebens“, die „voller Ressentiments gegen deutsche wie gegen deutsch-amerikanische Juden“ steckte. „Schacht war nach dem Krieg zumindest phasenweise stärker antisemitisch eingestellt, als er es während der Herrschaft des Nationalsozialismus je war (Kopper)“.[3]

Und noch ein anderes „maurerisches Klüngelspiel“, das so bis jetzt als solches nicht erkannt worden ist, spielte sich ab: In der Zwischenzeit, zwischen dem Freispruch des Internationalen Militärtribunals und dem Entnazifizierungsverfahren deutscher Behörden gegen ihn, fuhr Schacht von Bayern, in dem seine Anwälte einen „vorläufigen Freibrief“ erwirkt hatten, nach Baden-Württemberg zu einem Freund. Der Nürnberger Polizeipräsident informierte die württembergische Landesregierung von dieser Reise, wonach der Minister für Politische Befreiung sofort einen Haftbefehl gegen Schacht erließ. Doch der liberale Ministerpräsident Reinhold Maier wollte Schachts Verhaftung ohne großes Aufsehen verhindern und ließ ihm über Umwegen eine Warnung zukommen. Dennoch wurde er festgenommen, weil er die Warnung nicht ernst nahm. Fakt ist jedoch, dass der Ministerpräsidenten ihn „illegal“ warnte. Warum? Es wird einsichtig, wenn man weiß, dass Reinhold Maier selbst ein sehr aktiver Freimaurer war! Von 1924 bis 1933 war er Mitglied der Loge „Zu den Drei Cedern“ in Stuttgart und 1946 sogar Gründungsmitglied der Stuttgarter Loge „Furchtlos und treu“, der er bis zu seinem Tod angehörte. Er versuchte also seinem „Logenbruder“ Schacht aus der Klemme zu helfen. Zudem war ja unter anderem auch das „Bruderband“ geknüpft worden. Skandalös!

„’Bruder’ Hjalmar Schacht stellt zweifellos für die Geschichte der deutschen Freimaurer eine Belastung da,“ bekennt Freimaurer und Journalist Tom Goeller daher auch reumütig. „Unabhängig von den gerichtlichen Freisprüchen hätte er 1949 nicht mehr in eine Loge aufgenommen werden dürfen. Denn es ist unstrittig, dass er ein entscheidender Steigbügelhalter auf Hitlers Weg zur Macht war. Das alleine hätte genügen müssen, ihn aus der Freimaurerei für immer auszuschließen. Leider muss indes vermutet werden, dass sich die Hamburger Loge ‚Zur Brudertreue an der Elbe’ 1949 eher geschmeichelt fühlte, einen ‚namhaften’ Freimaurer zu ihren Mitgliedern zählen zu können, als einen Helfershelfer Hitler zu bannen; ein weiterer Fleck in der Geschichte der deutschen Freimaurer.“

Quellen:


[1] vgl. Christopher Kopper: „Hjalmar Schacht – Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“, München/Wien 2006, S.  280ff., 286, 287, 357, 360, 362, 371ff., 382ff./Tom Goeller: „Freimaurer – Aufklärung eines Mythos“, Berlin-Brandenburg 2006, S. 126ff./Eugen Lennhoff/Oskar Posner/Dieter A. Binder: „Internationales Freimaurer Lexikon“, München 2006 (5. überarbeitete und aktualisierte Ausgabe), S.743, 744/Robert A. Minder: „Freimaurer Politiker Lexikon“, Innsbruck 2004, S. 120

[2] vgl. Christopher Kopper: „Hjalmar Schacht – Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“, München/Wien 2006, S. 385

[3] vgl. Christopher Kopper: „Hjalmar Schacht – Aufstieg und Fall von Hitlers mächtigstem Bankier“, München/Wien 2006, S. 376

„Stad(tt)krieglieben(de)“ – NEUES GEDICHT von Hermann Steppenwolf


Für meinen Kollegen Hermann Steppenwolf habe ich ein neues Gedicht auf seinem Blog

http://hermannsteppenwolf.wordpress.com/

veröffentlicht.

Dieses Mal beschäftigt er sich mit dem universellen Thema von Liebe und Krieg; in diesem Fall mit der Liebe: zwischen einer Palästinenserin und einem Israeli.

Dieses Gedicht macht Mut! Es ist ein Plädoyer für Liebe und Frieden.

Ich bitte alle dieses Gedicht weiterzuverteilen, sobald ihr euch auf seine Homepage verlinkt habt.

Im Namen von Hermann Steppenwolf darf ich an dieser Stelle auch für das große Interesse  an den bislang veröffentlichten Gedichten ”Kinderaugen(lebensschein)” und „Prinz Lügeng(b)old“ danken. Gerne könnt ihr eure Gedanken dazu kommentieren oder euch auch direkt am Verfassen von Gedichten beteiligen und ihm zusenden!

Hier nun sein neues Gedicht ”Stad(tt)krieglieben(de)“  auf dieser Seite:

http://hermannsteppenwolf.wordpress.com/

Neues Filmprojekt: „Hinter dem Dorf die Hölle – Die vergessenen Konzentrationslager auf der Schwäbischen Alb“


Die seit Monaten andauernden Planungen zu meiner neuen Dokumentation „Hinter dem Dorf die Hölle – Die vergessenen Konzentrationslager auf der Schwäbischen Alb“ sind beendet. Seit dem Wochenende auch die beeindruckenden Dreharbeiten dazu, u.a. an historischen Orten und mit Interviews mit den letzten Überlebenden und anderen Zeitzeugen.
Filmbechreibung:
Tausende Häftlinge (Juden aus Auschwitz, Buchenwald, Überlebende des Warschauer Aufstandes, sowie politische Gefangene aus Belgien, Frankreich, Griechenland, Holland, Italien, Luxemburg, Norwegen, Ungarn etc.) starben kurz vor Kriegsende unter grausamen Bedingungen in den letzten KZ des Dritten Reiches, den so genannten „Wüste-Lagern“ der „Wüste-Werke“ in Dusslingen, Frommern, Erzingen, Bisingen, Engstlatt, Erzingen, Dautmergen, Dormettingen, Schömberg, Zepfenhahn, Schörzingen zur Treibstoffgewinnung aus schwäbischem Ölschiefer. Ein von vornherein unsinniges Unterfangen und ein weitgehend vergessenes Kapitel der nationalsozialistischen Terrorherrschaft.
„Hinter dem Dorf die Hölle“ ist nicht nur wichtig für die historische Information, sondern auch ein Zeitdokument für die nächsten Generationen, um an das Verbrechen und Unrecht auf der Schwäbischen Alb zu erinnern.
Sie soll weit mehr als nur lokalhistorische Forschung und Dokumentation aufzeigen und sein, sondern spiegelt in einem Mikrokosmos die nationale und internationale Arbeitspolitik und die sogenannte „Endlösung“ der Nazis (Makrokosmos) in einem eng begrenzten Raum (Schwäbische Alb).
Dieser Film, gedreht an historischen Orten, trägt zur Erinnerung an Unterdrückung, Verfolgung und Ermordung von Menschen unter der Schreckensherrschaft der Nationalsozialisten bei, ermöglicht zeithistorische Erfahrungen visuell weiterzugeben und tritt damit gegen Rassismus, Extremismus und Antisemitismus ein, sieht sich als grundlegender und unverzichtbarer Beitrag zum bewussten Umgang mit der Geschichte und zur Demokratieerziehung.
In „Hinter dem Dorf die Hölle“ wird die junge Generation miteingebunden; bei Gesprächen an Schulen mit den letzten Überlebenden etc.pp.
Der Film wird als DVD erscheinen und beispielsweise auch in  Schulen verteilt. Zudem sind Kinovorstellungen geplant, ebenso eine Übersetzung ins Polnische und Französische. Finanziell mitgefördert wird die Dokumentation u.a. von den Landkreisen Zollernalb und Rottweil.
Die Fertigstellung der DVD ist auf Anfang Juni 2012 geplant.
Neue Infos dazu hier auf dem Blog.

Skandal: „Wenn Holocaustleugnung legal wird (2)“


Bischof Richard Williamson gehört nicht nur der umstrittenen Pius-Brüderschaft an, sondern hat auch den Holocaust verleugnet. Im schwedischen Fernsehen erklärte er, es „gebe erdrückendes historisches Beweismaterial, das gegen die mutwillige Vergasung von sechs Millionen Juden während des Zweiten Weltkriegs spreche. Es seien vielleicht 200’000 bis 300’000 Juden in Konzentrationslagern umgekommen, aber kein einziger von ihnen sei vergast worden.“

Nachdem Williamson exkommuniziert worden war, weil seine Weihe ausdrücklich gegen den Willen des Papstes erfolgte. hob Papst Benedikt XVI. im Januar 2009 die Exkommunikation wieder auf. Williamson blieb dennoch kirchenrechtlich suspendiert, darf also seine priesterlichen Aufgaben nicht ausüben.

Für seine Holocaust-Leugnung wurde Williamson vor angeklagt, stand seit Monaten vor Gericht. In der ersten Instanz verurteilt, hob das Oberlandesgericht das Urteil wieder auf.

Nachfolgend der Artikel des „Tagesspiegels“ dazu:

 

Prozess gegen Bischof Williamson wird neu aufgerollt

Er war bereits verurteilt, für das Regensburger Gericht war der Fall klar: Bischof Williamson hat den Holocaust verleugnet und muss dafür bestraft werden. Doch jetzt war ein Revisionsverfahren erfolgreich.

Der Prozess gegen den Holocaust- Leugner Bischof Richard Williamson muss wegen Verfahrensmängeln neu aufgerollt werden. Das entschied das Oberlandesgericht Nürnberg in einem Revisionsverfahren. Es begründete dies am Mittwoch damit, dass das Amtsgericht Regensburg bereits in seinem Strafbefehl nicht erläutert habe, in welcher Weise und wo genau in Deutschland das umstrittene Interview des Bischofs veröffentlicht worden sei. Dies sei aber Voraussetzung für eine strafrechtliche Verfolgung einer möglichen Volksverhetzung.
Der 71 Jahre alte Bischof der erzkatholischen Piusbruderschaft hatte 2008 in einem Interview mit einem schwedischen Sender den Massenmord an sechs Millionen Juden durch die Nazis und die Existenz von Gaskammern bestritten.

Er war dafür zu einer Geldstrafe von 6500 Euro verurteilt worden. Das in Schweden ausgestrahlte Interview war auch im Internet veröffentlicht worden. Gegen das Urteil hatte der Verteidiger von Bischof Williamson Revision eingelegt.
Vorläufig wurde das Verfahren jetzt vom OLG eingestellt: Die Staatsanwaltschaft kündigte aber umgehend an, dass sie unter Beachtung der Hinweise des Nürnberger Gerichts „sehr schnell“ einen neuen Strafbefehl beziehungsweise eine Anklage fertig stellen werde.
Es gehe der Staatsanwaltschaft um eine Bestrafung Williamsons, betonte der Regensburger Oberstaatsanwalt Wolfhard Meindl. Er sagte, dass die neue Anklageschrift voraussichtlich in etwa fünf Wochen fertig sein werde.
Der Fall hatte seinerzeit die katholische Kirche in eine schwere Krise gestürzt. Denn genau zu der Zeit, als das Interview öffentlich wurde, hatte der Vatikan die Aufhebung der Exkommunikation von Williamson und von drei weiteren Bischöfen der umstrittenen Piusbruderschaft bekannt gegeben. Papst Benedikt XVI. erklärte jedoch, er habe von den Interviewäußerungen nichts gewusst. (dpa)

Quelle:

http://www.tagesspiegel.de/politik/holocaust-leugnung-prozess-gegen-bischof-williamson-wird-neu-aufgerollt/6241978.html